Keine Musik für die Massen

KMFDM sind seit ihren Anfängen 1984 Underground-Kult. Diesen Herbst brachten sie eine kleine Europatour hinter sich, wo sie im deutschsprachigen Raum als Opener von Rammstein fungierten. Ob sie 1998 wieder ihr Stahlgewitter ablassen ist fraglich: ihre europäische Plattenfirma unterstützt die Tourpläne ungefähr so bereitwillig, wie eine Nonne in einem Bordell die Beine breit machen würde. Schade, schade, schade: denn sie sind eine unserer absoluten Lieblingsbands!


Nach einer langen, durchzechten Nacht als sechster Interviewer mit einer Band zu reden, ist meist nicht wirklich einfach. Besonders wenn das Hauptinteresse der einzelnen Bandmitgliedern eher an viel Kaffee und wenig Licht liegt.

Da ist es doch schon sehr hilfreich, wenn man einen Grossteil der langen, durchzechten Nacht zusammen verbracht hat: es besteht bereits ein gewisses Vertrauensverhältnis, man kann den Kaffee teilen und niemand wundert sich darüber, dass man zwei Sonnenbrillen übereinander trägt...

So ungefähr war denn auch das Setting, während des langen, Kaffee- und Nikotinhaltigen Gespräches mit En Esch, Sascha Konietzko und Günter Schulz (der es allerdings vorzog, während des offiziellen Teils zu schweigen - das gesamte Gespräch dauerte immerhin mit kleinen Unterbrechungen, wie Soundcheck, gute 4,5 Stunden). Nebenbei bemerkt dürfte dies der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein...

Megalomaniac Productions: Es gibt euch bereits so lange, dass ein kleiner Rückblick zu den Anfängen vielleicht Sinn macht...


lineup

En Esch: Ja, kein Problem. Wir gehen zurück ins Jahr 1984. Für mich fängt die Geschichte an, als ich von Frankfurt nach Hamburg kam. Ich zog in 'ne Wohnung, und die Frau, die dort vorher gewohnt hat, war die Freundin von Sascha. Wie sich herausstellte, war Sascha auf der Suche nach einem Schlagzeuger, weil er Musik machen wollte, mit diesem Typen aus New York - Peter Missing. Und der war in Hamburg und wollte ein paar Shows machen. Also Sascha taucht da in der Wohnung auf und hörte, dass ein Schlagzeuger einzieht. Wir kennen uns von Anfang an nicht als Freunde, sondern nur als Musiker.

MP: Klingt ja herrlich ungeplant. War das dann Schicksal oder Zufall?

Sascha: Das war Zufall! Ich glaube, wir sind immer noch nicht richtige Freunde. Wir kennen uns schon tierisch lange, aber sind nicht die Leute, die miteinander abhängen. Wir sind Leute, die gut zusammen arbeiten. Und es gibt eine Spannung zwischen uns, eine Polarität, die sich auf die Kreativität gut auswirkt.

MP: Also gut, so ging's los - und dann?

En Esch: Wir machten Auftritte mit Peter Missing, aber nur kurze Zeit. Dann waren wir alleine und haben Freunde eingeladen und Piepkram gemacht, das fanden wir damals ganz gut. Sascha war damals Bassist, ich war Schlagzeuger und ein paar Freunde dabei. Viel improvisiert, viel Rythmus, sehr tanzmässig auf einer gewissen Art und Weise. Und so ging's weiter. Eine Zeit standen wir auch alleine da, haben viel herumexperimentiert. Wir wollten immer diese Disco-Tanz-Stampf-Nummern.

MP: Ihr habt ein ganz typisches Artwork auf euren Covern. Wie seid ihr denn zu dieser Corporate Identity gekommen?

En Esch: Unsere erste Platte, mit Raymond Watts zusammen, wurde von den Engländern übernommen. Sie haben aber das Cover verändert und uns mit Brute! zusammengebracht. Das ist der Typ, der seitdem immer die Cover macht. Kult und gut. Wir betrachten ihn als Bandmitglied, eben zuständig für die Gestaltung.

MP: Du hast mir gestern Abend im U4 erzählt, dass ihr schon einmal hier wart, und ihr nicht unbedingt gute Erinnerungen an diesen Ort habt.

En Esch: Wir sind viel getourt und haben damals auch in Wien im U4 gespielt, so 1988/89. Aber die Leute fanden das nicht so gut, das war ihnen zu schräg. Wir waren mit einem kleinen Bus da, sind selbst gefahren, es war aber nicht so erfolgreich. Ich kann mich erinnern, dass der Boss, oder wer immer dieser Typ war, uns den Strom ausgeschaltet hat - dieser Idiot. Weil er dachte, das war jetzt genug, und die Leute können das nicht mehr ertragen und er wollte eben zum regulären Discoprogramm übergehen. Ziemlich grausam.

MP: Und dann kamen Ministry und haben euch quasi wachgeküsst? War das anfangs nicht hart, gegen diese Jungs anzuspielen?

En Esch: Ja, Ministry wurden auf uns aufmerksam und wollten mit uns touren. Sie haben uns dann in die Staaten eingeladen. Wir kamen an einem eiskalten Tag nach Chicago. Das war eine Kälte, die ich niemals zuvor erfahren habe, es war wie auf dem Mars. Wenn du aus Europa kommst, dann kriegst du es echt nicht mehr gebacken. Die Strassen sind alle rechtwinklig. In Europa hast du Kurven, in Amerika ist alles wie ausgemessen. Aber wie auch immer, die waren ganz nett zu uns. Wir hatten nur alte 12" von Ministry, Sachen wie "Work for Love" und so. Und dachten: Herrlich, die sind total blöde, die spielen wir echt an die Wand. Wir kommen dann dort hin und die üben in einem alten Kino. Und da waren plötzlich 3-4 Gitarren, Orgel, 4-5 Sänger und die zwei Schlagzeuger gehen völlig zur Sache. Wir standen daneben und dachten nur: Oh, Gott!!! Sie waren also ziemlich knallig. Wir haben es dann trotzdem irgendwie gemeistert, jeden Abend, 42 Mal. Und es war ganz dufte und die fanden es auch gut.

MP: Ihr müsst da ja Ende der 80er voll in die amerikanische Industrial-Ära geknallt sein. Und habt ja eine sehr enge Beziehung zu Wax Trax, eurer Plattenfirma. Haben die euch letztendlich über den Teich geholt?

En Esch: Unsere ersten drei Platten waren schon von Wax Trax lizensiert. Wir hatten also so einen kleinen, kultmässigen Bekanntheitsgrad in den Staaten. Naja, so wurde dann die Sache unter Dach und Fach gebracht, dass wir eben ab 1990 eine WaxTrax-Band wurden. Und da plötzlich die ganzen Geschäfte in Amerika abliefen, wir dort dauernd getourt sind, man Freunde da hatte, Geliebte, was weiss ich, fanden wir uns plötzlich in Amiland, ohne es überhaupt gemerkt zu haben. Du hast dann plötzlich einen neuen Kultur- und Dunstkreis.

MP: Also ist Amerika definitiv euer Hauptmarkt - auch weil ihr dort lebt...

En Esch: Natürlich war der Markt bisher für uns in den Staaten: grosses Land, grosser Markt, eine Währung, etc. In Europa dagegen all' die kleinen Länder, überall ein alternativer Vertrieb, und dies und jenes - du verstehst? Was jetzt gut ist, dass Sony uns jetzt hier in Europa vertreiben. Die neue Platte kam also auf den gleichen Stichtag hier und in USA 'raus. Das ist natürlich ein ungeheurer Fortschritt. Sie sind zwar eine grosse Company und ein bisschen schwerfälliger. Man könnte meinen, dass ein kleiner, alternativer Vertrieb schlauer im Kopf ist und näher an der Szene, aber in unserem Fall ist das sowieso egal, weil wir haben nur 5000 Platten oder so hier verkauft. Es kann also nur aufwärts gehen.

MP: Habt ihr noch Kontakte zu Deutschland? Seht ihr, was da musikalisch so abgeht - oder ist der Teich dazwischen zu gross?

En Esch: Du kriegst das nicht so mit. Ich mein', was du so mitbekommst, erfährst du von Freunden. Auch wenn ich in New York wohne, sind viele Deutsche da, oder andere kommen mal 'rüber - aber das ist die einzige Information, die ich kriege. Über Rammstein, zum Beispiel, habe ich im Billboard 'mal einen Artikel gelesen.

MP: Wie seid ihr eigentlich auf Rammstein als Tourpartner gekommen? Habt ihr keine Angst vor ihrem 'rechten' Image gehabt?

En Esch: Also die sind so rechts, wie ich schwarz bin. Aber das mit der Tour, war eine Idee von Sony Music, denk ich - aber da hab' ich keine Ahnung, ehrlich gesagt. Ich finde, dass wir menschlich zusammenpassen, dass hast du ja gestern abend selber gesehen, dass wir da sehr dicht sind. (Besagte lange, durchzechte Nacht hing ursächlich der Doppel-Gold-Party von Rammstein im U4 zusammen). Ich hab' auch schon 'mal Till Ratschläge gegeben, wenn er frustriert war. Natürlich werden Rammstein vielleicht von Rechten missverstanden oder beliebäugelt. Weil sie halt ein bisschen einfacher und verrockter sind oder brutaler sein wollen. Ich habe ihre Texte sehr kritisch analysiert - aber dass sie rechts sind, da kannst du niemals 'draufkommen. Das ist mehr impressionistisch für mich. In Amerika spielen sie nur eine Woche mit uns und eröffnen dort.

Sascha: Die sind auf uns gekommen. Mir haben die anderen erzählt, dass im Gespräch mit Rammstein solche Sachen gefallen sind wie: Wir sind mit KMFDM aufgewachsen, einer der grössten Einflüsse für uns - das war irgendwie ganz lustig. Dass die rechts sein sollen, ist übrigens völliger Käse. Leute mit cleveren Konzepten werden auch schnell abgetan. Und diese "Ich erklär nichts"-Nummer, ist völlig genial. Unser Ding ist viel mehr das Maul aufmachen und Statements abgeben, so RAF-mässig: Hier isses, aber jemand anders liest es vor.

MP: Es gab' doch einmal so eine Promogeschichte von eurer Plattenfirma, wie man den KMFDM noch abkürzen könnte. Erinnerst du dich noch an die abartigsten Vorschläge?

En Esch: Ja es gab da so einen Wettbewerb und die Leute haben ihre Ideen zurückgeschrieben. Kylie Minogue Fans Don't Masturbate und so'n Kram.

Oder: Klingons March Forth During Missions

Keep Me From Doing Marijuana

Killing Madonna Frees Desperate Minds

Kalte Melkerhände Fürchtet Die Milchkuh

Karl Marx Fucked Demi Moore

Kosher Meat For Da Massees

Keep Madonna From Destroying Music

KoRn Made Five Damn Millions

Krauts Make Fucking Dumb Music

Kann Man Fisch Dünsten Mutter?

MP: Wie kam es überhaupt zu dem *etwas* ungewöhnlichen Namen?

En Esch: Das war kurz bevor ich Sascha getroffen habe. Da war er in Paris mit einem Nachbarn, da hatten beide eine Ausstellung und wollten Musik machen. Was weiss ich, mit Bassverstärkern, Metallgeklopfe im Basement, im Gewölbe. Da haben sie dann eine Bildzeitung im Frühstücksraum vom Hotel Garni gefunden, haben die mit einer Schere zusammengeschnitten und kamen auf "Kein Mitleid für die Mehrheit" und Sascha hat das dann umgedreht. Es war damals die Zeit für dadaistische Sachen. Der Anfang der 80er war vorbei, man hatte so diese Leere der Mitt-80er im Kopf und da sind wir ja genau 'reingeknallt.

MP: Eure letzte Platte hat so eine nette Comic-Fluchzeile als Titel. Euer Label nennt das Album KMFDM. Wat nu?

Sascha: Das war eine der ersten Ideen, die wir je für einen Plattentitel hatten. Ist mir dann nach 13 Jahren oder so wieder eingefallen.. Unsere Plattenfirma flippte völlig aus und meinte, das könne man ja nicht in den Computer eingeben als Warennummer etc. Ob wir denn bescheuert seien... Dann musste es halt der Titel werden. Oder etwa nicht?

MP: Gibt es sonst noch Einflüsse, fühlt ihr euch mit jemandem verwandt?

En Esch: Mit niemandem! Das kann man ganz schlecht sagen. Leute stellen mir ja dauernd die Frage und ich muss dann drüber nachdenken, und ich finde keine Lösung dafür. Es ist echt schwer zu sagen. Wir sind einfach die Kombination aus Sascha und icke und dann kam noch Günther dazu, eben 1989. Es ist so eine Frage wie: Wer ist denn so wie du? Weisst du was ich meine?

MP: Ja, ich weiss, was du meinst. Trotzdem: Sascha, wie ist es bei dir?

Sascha: Frank Zappa, Kraftwerk, Mozart. Meine erste Platte war ein T-Rex-Album. Und ich steh' im Moment auf Rammstein. Wir haben jeden Abend sozusagen Rammstein-Karaoke im Tourbus... Ansonsten hab' ich irgendwie immer die Beatles gehasst. Beatles waren Scheisse - meine Eltern fanden die Beatles gut, dann musste ich sie ja Scheisse finden. Die Rolling Stones fand ich auch immer Scheisse. Ich fand auch die ganze Rock'n Roll Nummer immer total Scheisse. Dies ganze 50er, 60er Jahre cheesy - Zeug, so mit Haartolle. Dies schleimige amerikanische Jugendding mit James Dean fand ich total Scheisse. Was ich gut fand war Rote Armee Fraktion, was ich gut fand waren die Sex Pistols. Marxismus - Leninismus, Studentenrevolten find ich gut. Popper waren Scheisse.

MP: Wie bist du zur Musik gekommen?

Sascha: Zuerst zu Hause. Also da gab es eine Sendung im Fernsehen die hiess glaub' ich Disco 2000 mit Ilja Richter. Da ging es immer: "Licht aus, Spot an!" Wie das anfing muss ich so neun oder zehn gewesen sein und das hab' ich immer gesehen. Da waren alle: Alice Cooper, T-Rex, The Sweet, Slade. Ich hab' immer gedacht: Wie wird man sowas? Wie wird man jemand, der in so 'ner Band ist und geniale Klamotten hat, geniale Haare? Und dann hab ich einen Musiklehrer gehabt, der immer gemeint hat: Jeder kann Musik machen, das ist überhaupt kein Problem. Der drückte mir dann einen Kontrabass in die Hand und musste auf einer Bierkiste stehen, weil ich immer der kleinste in der Klasse war. Und so hab ich erst mal Kontrabass gespielt. Der war zwar Scheisse, aber es war ein lässiges Instrument, weil man konnte damit grosse, tiefe Töne machen.

MP: Wusstest du damals schon, wie Bässe auf Frauen wirken?

Sascha: Nöö, aber En Esch hat da so eine ähnliche Theorie, dass Frauen das anregend finden. Günter, geh' doch 'mal eben und hol den Bass... (Meine hochgeschätzte Fotografin bekommt einen Lachanfall und muss fast wiederbelebt werden!)

MP: Und nach dem Kontrabass?

Sascha: Ich bin dann ziemlich schnell auf Schlagzeug umgestiegen und dann wieder zum E-Bass zurück. Hatte dann halt irgendwie so eine kleine Band zusammen und hab seitdem durch die Jahre immer Musik gemacht. In dem Moment wo es mit den Sex Pistols losging, kamen wir auch aus diesem Koma 'raus, von wegen immer nachspielen. Jetzt war selber machen angesagt.

MP: Nun ist von der Musik der Sex Pistols bis zu KMFDM ein weiter Weg, besonders was die Technik angeht. Ihr habt mehr Samples, Elektronik...

Sascha: Ich hatte immer schon Interesse an so Sachen. Eine meiner ersten Faszinationen war Fotos zu sehen von Bands, die Riesensynthesizer hatten, mit vielen Kabelschläuchen - aber das Zeug war ja total unerschwinglich. Das ging erst in den späten 70ern los, dass Leute dann auch wirklich Synthesizer zur Hand hatten, die man zumindest irgendwie kaufen konnte. Und da hab' ich mich auch sofort irgendwie reingekniet: Wenn ich es brauche, dann leih' ich es aus, so fertig! Und so irgendwie die Kurve gekriegt dazu.

MP: Stichwort Zukunftspläne.

En Esch: Wir touren erstmal wieder in den Staaten. Und so nebenbei versuchen wir in unserem Bus schon an neuem Material zu arbeiten. In unserer freien Zeit, wenn wir fahren. Ansonsten würde ich gerne 'mal in Tokio wohnen, oder in Australien und irgandwann 'mal in Wien. Wien find' ich auch ziemlich gut - es gefällt mir heute besser, als es mir jemals gefallen hat.

Sascha: Keine erstmal. Irgendwann will ich eine Tour weit in den Osten machen, also Russland und so. Ich muss unbedingt nach Budapest, Prag, Warschau, Bukarest - je weiter östlich, desto besser. Irgendwann müssen wir auch wieder eine neue Platte machen, und Platten dauern lang. Dank der neuen Technologie kann ich irgendwie mein halbes Studio im einem Powerbook mitschleppen und des nächtens, im fahrenden Bus, Sachen zusammenschneiden. Am liebsten hätte ich allerdings so einen Mega-Nightliner, in dem ich dann auch wohne und immer meine zwei Katzen (Anm: Baader & Meinhof) dabeihaben kann.

MP: Danke für das Gespräch.

Günter: Jetz mach' endlich das Ding aus.

En Esch: Echt geil, deine Sonnenbrille.

Sascha: Komm, gehen wir in den Bus...

© MEGALOMANIAC PRODUCTIONS 10/97

Die offizielle KMFDM-Site gibt’s unter http://www.kmfdm.net