The Taste of Taboo

Jürgen Engler liebt Lärm. Und Jürgen Engler liebt Elektronik. Was lag also näher, als beides in seiner Band "Die Krupps" zu verbinden? Dass die Krupps somit die Gründerväter des Industrial sein sollen, kann schon niemand mehr hören, einschliesslich der Krupps selber. Lieber machen sie weiter tanzbare Metall-Maschinen-Musik.


Nur ist die Gangart mittlerweile härter, schneller und lauter. Dieser Wandel ist auch an Frontmann Jürgen Engel nicht spurlos vorbeigegangen: der mutierte vom fast schon ätherischen, kurzgeschorenen Jüngling zum gestandenen, langmähnigen Shouter.

Anlässlich des Tourstarts Ende Mai in Wien, sprach Jürgen Engler mit uns über Arthur Brown, Rammstein, Politik und seine neuen Heimat. Outete sich als Gesundheits- und Krautrockfreak und prophezeihte mir ob meines Zigarettenkonsums ein frühes Ende.

Megalomaniac Productions: In der Sprache der Werber heisst der Begriff "Paradise Now" eine spontane Idee sofort in die Realität umzusetzen. Hat euer CD-Titel etwas damit zu tun?

Jürgen Engler: Nein, das hat damit nichts zu tun (grübelt höflich). Wusst' ich nicht... interessant.

MP: Ihr habt ein Cover vom alten Arthur Brown-Klassiker "Fire" gemacht. Warum?


lineup

Jürgen: Ja, da gibt's einen langen Hintergrund. Ich hab's so 1968 im 'Beatclub' (dt. TV-Sendung) gesehen und fand das sehr inspirierend, sehr schön. Er hat ja eine total abgedrehte Stage-Performance. "Fire" ist ein genialer Song und wahrscheinlich der Rockklassiker. Deshalb!

MP: Trägt Arthur Brown bei "Fire" immer noch die legendäre Feuerkrone? Brennt da nicht was an?

Jürgen: Ja, die hat er immer. Da kann ich dir Geschichten erzählen... Die Entstehung der Feuerkrone - also jetzt wird's interessant: Bei den ersten Shows hat er einfach nur eine brennende Kerze auf dem Kopf befestigt. Da gab es ein Problem mit dem Wachs. Dann hat er sowas wie eine kleine Schüssel, ein Spaghettisieb mit Löchern, auf'm Kopp befestigt und eine Kerze draufgestellt. Das Problem war, dass dies Kerzenwachs durch die Löcher lief, ihm die Haare verklebt hat und er das Ding nicht mehr abgekriegt hat. Das nächste Problem war, er hat dann wieder eine kleine Schüssel genommen, die nach oben gewölbt war und hat da Benzin oder so etwas reingegeben und es angezündet. Nur musste er feststellen, dass das sehr heiss wird. Die dritte Version war, da hat er sich unter diese Schale so etwas wie ein Tuch gebunden, damit das nicht ganz so heiss wird. Das ist bei der Show verrutscht und ihm ist die ganze Sosse in die Schuhe gekippt. Und dann gibt es noch die andere Version, wo er irgendwann draufgekommen ist, dass es richtig gut halten muss und sich einen Helm gebastelt hat, den er anzünden kann. Das ist eben als Feuerkrone geblieben und das hat er immer noch. Jetzt hat er wieder weitergesponnen: Er will sich auf den Rücken eine Butangasflasche schnallen um dann so eine drei Meter hohe Stichflame zu entzünden. Da tüftelt er noch.

MP: "Fire" war schon damals so etwas wie eine Hymne und du warst ja selber total begeistert davon. Warum kommst du erst jetzt darauf damit etwas zu machen?

Jürgen: Das sind Sachen die passieren einfach, ich plane so etwas nicht. Ich bin ein Verfechter der Chaostheorie, wenn ich jetzt sage: ich plane Arthur Brown zu holen und "Fire" zu machen, dann würde ich über so viele Stolpersteine fallen, dass ich zu gar nichts kommen würde. Irgendwie war das vorprogrammiert und deswegen hat es funktioniert. Es gibt dann den Dominosteinchen-Effekt und der passiert einfach nicht, wenn du etwas planst.

MP: Zwei Bandmitglieder leben in Deutschland, die anderen drei in den Staaten. Wie läuft das denn?

Jürgen: Also Lee und ich schreiben die Songs zusammen und machen das meist bei mir zu Hause in Austin. Auch die Lyrics mach ich meistens allein, bis auf drei Nummern jetzt, wo Ralf mitgemacht hat. Im Studio sind wir dann zu dritt: Lee, Chris (Lietz) und ich. Chris und ich produzieren, und auf Tour sind wir dann zu fünft. Im Studio brauche ich keinen Drummer, das sag ich ganz ehrlich. Das liegt nicht daran, dass George schlecht spielt, aber ich bin ein unheimlich pingeliger Typ und ich weiss einfach, wie ich eine Maschine programmiere. Ich hab noch nie einen Drummer erlebt, der so ein perfektes Timing hatte, wie eine Maschine. Und die Krupps brauchen eben diese Maschine drunter, über der dann die menschlichen Dinge passieren. Aber du kannst dabei nicht eine menschliche Basis schaffen und dann drüber spielen. Dann sind wir nicht mehr die Krupps, das geht nicht.

MP: Machst du ein bestimmtes Stimmtraining?

Jürgen: Nein, sollte ich aber wohl, wir sind ja viel lauter geworden. Gut ich rauche nicht. Ich habe hier übrigens so was Tolles bekommen, das heisst Emsa-Pastillen. Die sollen sehr gut sein für die Stimme und die werde ich jetzt nach und nach einwerfen. Ich mag es auch nicht so, wenn beim Konzert geraucht wird. Im Amerika ist es ja toll, das ist der Himmel auf Erden, weil fast überall nicht geraucht werden darf. Im Gegensatz zu hier. Auch in der Band rauchen fast alle.

MP: Wenn ihr auf Tour seid, filtert sich da so ein typisches Publikum heraus?

Jürgen: Die Krupps haben kein typisches Publikum. Das ist ein ganz zusammengewürfeltes Etwas, das wirst du am Abend merken. Da gibt es die Metals, alte Elektrofans, ein paar Schwarzkittel, Kurzhaarige und Langhaarige, alles was du dir vorstellen kannst. Diese typische Armee, die manche Bands haben, gibt es bei uns nicht. Und unser Publikum ist ja sowieso ein bisschen älter. Es ist eher zwischen 17 und 27. Eher die Gymnasiasten und Studenten, als die Hauptschüler. Das liegt vielleicht auch daran, dass unsere Texte nicht so einfach sind und nicht in deutsch gesungen. Es gibt Bands, wie Rammstein, die machen simple Texte - die übersetzte ich gerade für sie ins Englische - da fällt mir einfach nichts mehr ein. Da blick ich durch die Texte und denke 'shit' was ist das? Das ist unglaublich, da kommst du keinen Schritt irgendwie in eine Richtung, da kann ich keine Hand und Fuss erkennen, das ist wirklich übel. Also etwas Tieferes, was mir wirklich was gibt. Natürlich mach' ich die Übersetzung, ich find die Jungs o.k., wir haben ein gutes Verhältnis und alles, aber gemessen daran, was wir bei den Krupps für Messages haben, ist das eine ganz andere Welt. Das heisst jetzt nicht, dass ich die Scheisse finde, ich sehe nur, dass die Einfachheit ihrer Sachen auch nur ein einfaches Publikum finden kann. Das hat Zugang dazu - unseres weniger.

MP: Was hätte Jürgen Engler gemacht, wenn es mit der Musik nicht geklappt hätte?

Jürgen: Dann würde ich trotzdem irgendwo in Austin im Gras liegen. Aber ich habe ja eine Ausbildung als Lithograph und habe auch Graphik gemacht. So hab' ich damals diese ganzen Sachen wie "Computerwelt" von Kraftwerk lithographiert. Solches Zeugs eben. Aber es ist schwierig zu sagen was wäre, es ist eben Schicksal. Eigentlich wollte ich ja immer Archäologe werden. Akribisch forschen und Dinge ausgraben.

MP: Aber da braucht man Planung.

JÜRGEN: Ich plane gerne (kichert wieder haltlos) ! Aber nicht, wenn es um die Musik geht... Das ist eine andere Sache. Das ist aber auch der Plan dabei (lacht jetzt schallend).

MP: Kiss haben gerade ihre Reunion-Tour hinter sich gebracht. Findes du so was peinlich, gibt es für dich eine Altersgrenze?

Jürgen: Asolut nicht. Es gibt keine Altersgrenze. Arthur Brown ist 55, der sollte auf keinen Fall aufhören. Er ist ein phantastischer Typ, hat unglaubliche Bühnenpräsenz, also ganz toll. Ich mache auch ganz viel Musik mit alten Freunden von mir, die aus der deutschen Krautrockszene stammen. Ich habe z.b. in Düsseldorf im Atom H-Studio mit Dieter Moebius von Cluster, Mani Neumeier von GuruGuru, mit Jean Herve Péron und Zappi von Faust, mit Chris Kerrer von Amon Düül, mit Florian Fricke von Popol Vuu und auch mit ein paar Can-Leuten eine Scheibe aufgenommen. Warum sollten die aufhören? Die sind phantastisch. Nur sind die deutschen Konsumenten die dümmsten der Welt, die lassen sich alles nur vorkauen. Die sind nicht im Stande etwas zu erkennen. In Amerika, in Japan, in England, überall ist Krautrock schon seit über einem Jahr am Brodeln. Manni Neumaier steht in Tokio im Wachsfigurenkabinett, neben Jimmy Hendrix und Ian Anderson von Jethro Tull. In Deutschland ist er ein absolutes Nichts. Da denk' ich mir dann oft es ist doch unglaublich, warum seid ihr bloss so ignorant? Die Ausländer sind völlig offen, die Deutschen nicht. Ich versteh' das nicht. Solche Bands wie Faust oder Can waren ihrer Zeit doch um Lichtjahre voraus. Dass das damals schon nicht erkannt wurde, ist peinlich genug, aber das die jetzt nicht, wo sie wieder präsent sind, mit Pomp empfangen werden, ist ein absolutes Armutszeugnis. Und das sind tolle Leute, bei denen es keine Altersgrenze gibt. Die sind so um die 45 bis 50 und haben eine Energie und einen frischen, jungen Geist, den du erst mal suchen musst.

MP: Ist dieses "jung im Geist" wichtig für dich?

Jürgen: Ja, ich glaube schon. Weil Bill Clinton - dem kann man allen möglichen Quatsch nachsagen, aber ein Gutes hat er - der Mann ist jung. Und der hat auf jeden Fall mehr Verständnis für Minoritäten als die Alten, die das hier in der Hand haben - das ist ein Riesenvorteil. Der Mann ist jung genug um selber mal gehascht zu haben und selber auch schon mal ein Saxophon in der Hand gehabt zu haben, um ein normaler Mensch zu sein. Und die Leute mit denen wir hier zu tun haben, sind einfach keine normalen Menschen, das sind Dinosaurier. Überleg' mal Kohl ist '78 rangekommen, das sind fast 20 Jahre Macht - 20 Jahre lang so'n Typ, das ist doch Wahnsinn.

MP: Hat sich für dich in Deutschland seit der Wiedervereinigung etwas verändert?

Jürgen: Klar, die Leute schreien, sie wollen nicht so viel Steuern zahlen. Im Prinzip hat es sich dahingehend verändert, dass das gewöhnliche Fussvolk, also die vom Stammtisch sich denken, wäre die Mauer nur geblieben, wo sie war. Es ist die typisch deutsche Gemütlichkeit, dass wenn die Leute zusammensitzen, sie erst mal ablästern und zetern. Über die Nachbarn, die Politik, die Ausländer. Und diese Stammtischatmosphäre, die in Europa ein ganz normaler Teil des Lebens ist, die hab' ich drüben noch nie erlebt. Da gibt es keine Stammtische. Da gibt es zwar die Männer, die sich zum Footballspiel treffen, oder so einem Blödsinn, zusammen rumkrakeelen und sich freuen, wenn einer einen Ball wer weiss wie weit getragen hat, aber letztendlich existiert da keine solche Gewalt innerhalb einer Gruppe, das sie sich so an anderen entlädt.

MP: Was ist eigentlich dein Antrieb?

Jürgen: Nichts. Ich hab nicht das Bedürfnis, mich unbedingt immer mitteilen zu müssen. Ich lass' mich gerne zwingen. Ich lass' mich nicht unterwerfen, aber gerne zwingen in bestimmter Hinsicht. Ich bin also kein Musiker, der sich jeden Tag hinsetzen muss um ein Stück zu schreiben, weil irgendwas aus ihm raus muss. Ich bin auch kein unnahbarer Mensch, ich fühle mich nicht als so was besonderes. Ich mach halt mein Ding und fertig. Ich hab nicht so diese elitäre Kiste, ich bin der tolle Jürgen Engler, weil ich mal ein paar kleine Hits gemacht hab. Das seh' ich nicht so. Ich hab vielleicht was zu sagen, aber es reicht mir auch, wenn ich gefragt werde.

MP: Was macht ein Publikum zu einem Superpublikum, wo du danach sagst: Wow, da ging die Post ab?

Jürgen: Das ist eigentlich das Publikum, wo du von Anfang an siehst, dass die dich nicht kritisch beobachten. Das ist jetzt natürlich blöd gesagt, aber auf der einen Seite ist es natürlich schön, wenn dich die Leute auch ein bisschen unterstützen und nicht nur auschecken. In Europa stehen die Leute ja eher heum und gucken und trauen sich nicht so recht, das hast du oft hier. In den Staaten sind die Leute anders. Wenn denen etwas gefällt, dann sind die völlig am Ausrasten. Hier musst du sie erst mal dazu zwingen oder wer weiss was für eine Show bieten. Die Leute hier können sich auch nicht richtig amüsieren. Das ist so ein Verhaltensding, besonders bei Deutschen. Die brauchen dazu Alkohol, damit das funktioniert. In Amerika gehen die Leute auch nicht raus und saufen sich die Hucke voll. Wenn der Alkohol hier so schwer zu kriegen wäre wie drüben, wäre alles tot.

MP: Du bist ja in Deutschland geboren und aufgewachsen. War es für dich dann anfangs auch schwer zu lernen, dich zu amüsieren?

Jürgen: Ja, bestimmt. Aber jetzt kann ich es und ich brauch dazu z.B. keine Männergesellschaft. Das ist ganz wichtig. Ich hasse nichts mehr, als mit einem verdammten Haufen Typen an einem Tisch zu sitzen und jeder macht irgendwelche dummen Scherze. Das ist für mich der absolute Alptraum! Ich hasse das. Deshalb habe ich auch noch niemals ein Fussballspiel gesehen, ich habe keine Lust auf Saufgelage, ich habe noch nie getrunken, geraucht oder Drogen genommen. Ich hab ein einziges Bier in meinem Leben getrunken, weil ich da eine Wette verloren habe, ansonsten noch keinen Alkohol. Keinen Wein, keinen Sekt, absolut nichts.

MP: Und jetzt die unvermeidliche Frage: Fühlst du dich nicht seltsam, wenn du so als Grossvater der Industrial-Musik gehandelt wirst?

Jürgen: Klar ist das seltsam. Und ich sehe ja auch nicht uns als Grossväter des Industrial, sondern Cluster. Wenn ich auf deren 71er LP ein Stück höre, das heisst "Life in der Fabrik", das hört sich an wie die "Stahlwerksymphonie". Das wusste ich nur damals nicht, weil ich damals Cluster nicht gehört habe, sondern eher Can und GuruGuru. Und das war aber alles zehn Jahre vor uns.

MP: Und wie siehst du dann eure musikalische Entwicklung?

Jürgen: Die muss sein, denn wenn du dich nicht mehr veränderst bleibst du ja stehen. Und alles, was wir machen, ist eine Reaktion auf die Zeit. Wenn du '81 siehst, das war so Industrial im traditionellen Sinn. Dann wurden Keyboards erschwinglich, dann wurden wir sehr keyboardlastig, sehr hart und roh. Und Punk auf Keyboards war für mich so, wie ich die Krupps gesehen habe, am Anfang. Aber die Zeiten ändern sich eben. Jetzt wo sich Metallica die Haare geschnitten haben, lasse ich meine lang.

MP: Bist du renitent?

Jürgen: Bestimmt (klimpert mit den Wimpern und lacht)!!! Es ist doch so: wenn alle es machen, bin ich doch schon wieder hinten dran. Wenn, dann setz ich den Trend! Vielleicht komme ich ja nächstes Jahr mit meiner alten Rockabilly-Locke zum Vorschein.

MP: Danke, Jürgen.

© MEGALOMANIAC PRODUCTIONS 1997