Düstere Portugiesen

Von einem kleinen Musikprojekt zur erfolgreichsten Metalband Portugals ist ein weiter Weg. Moonspell-Frontmann Fernando Ribeiro erzählte bei einem Glas Wein Megalomaniac Productions von seinem Heimatland, Religion, Beziehungen und ihrer musikalischen Entwicklung.


Megalomaniac Productions: Nun, ihr spielt jetzt seit fast zehn Jahren zusammen...

Fernando: Ja, aber nicht in diesem line-up. Unsere Bandgeschichte besteht aus ständigen Wechseln. Ich begann 1989 die Band mit unserem früheren Bassisten (Ares) und es war damals in Portugal ziemlich schwer dieses etwas düsterere Ding zu machen - um es 'mal so zu sagen. Wirklich ging es mit Moonspell erst 1992 los, also drei Jahre später, weil wir erst da anfingen Demos aufzunehmen. Seit damals sind eigentlich nur noch unser Drummer und ich in der Band. Am wichtigsten ist immer noch, daß wir einen Plattenvertrag von einem Undergroundlabel bekamen, nachdem wir nur ein Demo aufgenommen haben. Nach der EP "Under the Moonspell" kamen wir zu Century Media, unserem jetzigen Label, und haben unser erstes Album "Wolfheart" (1995) aufgenommen. Drei Monate nach dessen Erscheinen begannen wir unsere erste Europatournee. Danach kam unsere zweite CD "Irreligious" und seitdem sieht es so aus: Tourneen, Festivals, noch mehr Tourneen.


lineup

MP: Ist es sehr schwierig, eure Art von Musik in Portugal zu spielen?

Fernando: Ja, ich glaube schon. Den meisten Leuten ist die Marktsituation in Portugal nicht allzu vertraut. Ich rede jetzt nicht von den Leuten, welche die Musik mögen, den Fans, sondern von der Plattenindustrie. Und die ist definitiv nicht für Bands wie Moonspell gemacht. Wir kamen von einem Heavy Metal-, Rock-, Gothic-, wie immer du das nennen willst, Background und es gibt dort keine andere Alternative-Band, die so groß ist wie wir. Aber wir werden von der Presse und den Promotern mit Scheiße zugekübelt, was nicht ganz einfach für uns ist.

MP: Wo liegt das Problem?

Fernando: Das Problem sind nicht die Fans, sondern Presse und Fernsehen. Es ist verdammt schwer, dort Promotion zu machen. Und deshalb kaufen dort nicht so viele Leute unsere Platten oder hören unserer Musik zu. Die beste Promotion ist, wenn man uns live spielen sieht - aber es gibt kaum Konzerte. Wir werden nicht ernstgenommen. Wir sind im Sommer auf zwei großen Festivals in Spanien aufgetreten, und wir wurden sehr gut aufgenommen und behandelt. Danach haben wir bei einem großen Festival in Portugal mit Megadeth gespielt und wurden vom Veranstalter dort wie der letzte Dreck behandelt.

MP: Anfangs galt Moonspell als BlackMetal Band, jetzt hingegen geltet ihr als Gothic-dominiert. Wo plaziert ihr euch selber?

Fernando: Ich glaube, was Leute BlackMetal nennen, ist ziemlich umstritten und widerlich. Wenn Dimmu Borger sich selbst als wahrhaftigen BlackMetal bezeichnen, dann hatten wir niemals etwas damit zu tun - selbst wenn du die ganz frühen Moonspell damit vergleichst. Wir sehen uns lieber als eine Band, die eine Menge Stilrichtungen verschmilzt. Als ich selber anfing Musik zu hören, da reichte die Spannweite von HeavyMetal über Alternative bis zu Pop. Ich habe immer noch alte Propaganda-Platten aus meiner Teenagerzeit zu Hause. Deshalb klang "Irreligious" auch mehr nach den Sisters of Mercy und die "Sin/Pecado" wird auch anders klingen. Eine Menge Leute hat schon Angst, weil wir auch Depeche Mode sehr mögen... (kichert schadenfroh) Auf unserem naechsten Album (es wird erst im Januar erscheinen) sind einige Tracks wirklich verdammt aggressiv - es ist nicht so, daß wir finden, wir würden jetzt weicher und melodischer.

MP: In euren Texten geht es zu einem großen Teil um Vampire, Werwölfe und Frauen (Fernando: Ja, besonders um Frauen! Sie sind sehr wichtig.) Und natürlich um Religion. Ist es schwer in einem katholischen Land zu leben oder ist es eher eine konstante Inspiration für eure Texte?

Fernando: Bei allen Themen, die ich in meinen Texten anschneide ist es besonders bei der Religion wichtig, in einem katholischen Land zu leben und als Katholik aufgewachsen zu sein um zu verstehen, was dahinter steckt. All der Schmerz, die guten Sachen, wie die bösen, welche die Religion den Menschen bringt. In Portugal gab es nie eine Trennung der Gesellschaft von der Kirche. Es gibt keinen anderen Glauben, als den katholischen. Keine Protestanten, keine Anglikaner, nichts. Aber wenn es um Zensur geht, dann sind Moonspell weniger bekannt für ihre Einstellung Portugal gegenüber, als für unser Lied "Opium".

MP: Das war meine nächste Frage. Euer Video zu "Opium" durfte auf MTV nicht gespielt werden. War es denn so kontroversiell? Und hat das Verbot wenigstens als Publicity geholfen?

Fernando: Ich glaube überhaupt nicht, daß es kontroversiell war und vielleicht hat es bei den Verkaufszahlen geholfen. Ehrlich, ich selber schau' mir nie MTV an, weil ich es nicht repräsentativ für moderne Musik finde. Obwohl es einige gute Bands gibt, die Airplay bekommen. Und sie haben diese Philosophie gegen Drogen zu sein. Nun, ich kann sagen, daß wir alle keine Drogen nehmen und nur einen Song haben, der "Opium" heißt. Was mich wirklich deprimiert ist, daß Bands wie Nirvana, die ein bekanntes Drogenproblem hatten oder Alice in Chains sowas wie Brot und Butter für MTV sind. Abgesehen davon ist es auch vom künstlerischen Standpunkt ganz gut einen Videoclip zu machen, nicht nur wegen der Promotion. Wir können mit unseren Clips nicht viele Fernsehstationen erreichen, also ist es vielleicht stattdessen die bessere Promotion, wenn ein Clip verboten wird. Weil dann viele Leute sich genau dieses Lied, dieser speziellen Band genauer anschauen oder anhören wollen. Einige Veranstalter wollten deswegen unsere Auftritte absagen - soviel zur Freiheit der Künste! Zensur existiert und jeder weiß das. Heutzutage ist die Zensur eine heimliche, leise. In der Vergangenheit, in Diktaturen, war diese Scheiße offener. Man zensiert sich ja schon fast selber, wenn man versucht in diesem Geschäft versucht Fuß zu fassen. Aber wenn wir die Kontrolle über unsere Musik verlieren, dann lösen wir uns sofort auf.

MP: Soweit ich bemerkt habe, kommen wesentlich mehr Frauen zu euren Shows, als bei anderen Metal Bands ...

Fernando: Ich weiß nicht recht. Wir spielten recht oft mit Type O Negative, also waren auch die Frauen nicht für uns. Wir waren auf ihrer letzten Europatour mit ihnen unterwegs und spielten sogar im Sommer einige Füllgigs zwischen den Festivals mit ihnen. Sie mögen unsere Musik und sie mögen uns, also ist es jedesmal eine große Freude, sie zu supporten. Sie sind eine meiner Lieblingsbands, aber wenn es um Frauen geht, dann bin ich überzeugt, daß 99,9% an Type O Negative und Pete Steele gehen und wir hätten dann die Überbleibsel. Aber wir würden sie sowieso nicht nehmen...

MP: Gibt es Lieder, die du auf den Tod nicht mehr ausstehen kannst, weil du sie schon zu oft gespielt hast?

Fernando: Ja sicher, und das sind meistens genau die Lieder, welche die Fans bei Konzerten hören wollen. Sowas wie "Vampiria" ... und natürlich müssen wir das spielen. Das war besonders im Sommer schlimm, weil wir das Touren schon satt hatten, weil wir das quasi ohne Unterbrechung seit dem Erscheinen von "Irreligious" getan haben.

MP: Wenn ihr immer so intensiv tourt, bleibt da überhaupt noch Zeit für ein Privatleben?

Fernando: Nicht wirklich. Die Band kommt immer an erster Stelle - und das muß auch so sein. Es ist allerdings hart, wenn es Beziehungen betrifft. Unser Tastenmann ist schon verheiratet und der Rest hat seit 4-5 Jahren auch sehr stabile Beziehungen. Als wir unsere Freundinnen trafen, waren wir noch totale Nobodies und wenn ich ehrlich bin, weiß ich, daß es so kein gutes Leben ist. Meine Freundin ist Schauspielerin und hat eine eigene Karriere. Sie kennt also das Spiel. Es könnte ja auch andersrum sein: sie ist erfolgreich und ich muß zu Hause bleiben. Ich lebe in unseren Tourpausen sehr intensiv - das kompensiert alles für einige Zeit. Es ist halt der Preis, den man zahlen muß...

MP: Reden wir ein wenig über Zukunftsprojekte...

Fernando: Nun, unsere dritte CD "Sin/Pecado" wird Ende Januar 1998 erscheinen. Wir fangen Anfang Dezember unsere erste Headlinertour quer durch Europa an und stellen dabei unser neues Werk live vor. Eigentlich wollen wir ein Album pro Jahr herausbringen. Und es dann natürlich ordentlich promoten. Also touren, touren, touren und wieder touren... Sind wir fertig? Gut! Dann Wein!

© MEGALOMANIAC PRODUCTIONS 1997