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Also wird ein anderer Einstieg gewählt und durch eine ausführlichste
40-Minuten-Antwort aller sechs Musiker geadelt. Zusammengefasst meint
Sänger Donis folgendes: "Eigentlich begann ((tam)) als Projekt,
da wir alle noch nebenher so einiges am Laufen hatten. 1992 machten wir
dann unser erstes Tape 'Housebastards' und haben davon allein bei Konzerten
so an die 5.000 Stück verkauft. Dann sind wir erst mal auf die Fresse
gefallen, weil wir zu schnell einen Plattenvertrag unterschrieben haben."
Der Umstand, der andere Bands üblicherweise wieder an einen Gott
glauben lässt oder zumindest hellen Jubel und den Ankauf eines neuen
Paars Schuhe auslöst hinterlässt bei ((tam)) einen leicht bitteren
Nachgeschmack. "Wir waren ein wenig zu naiv," meint Kay, der Drummer.
"Wir haben uns zu schnell zu der ersten Platte (Motorrazor '93) drängen
lassen. Unsere Zählung beginnt deshalb eigentlich erst mit dem Nachfolger
(Housebastards '94) so richtig..." "Die Leute von unserer damaligen Plattenfirma
Dynamica wollten aus uns so Industrial-Adepten machen," erinnert sich
Donis heute noch verärgert. "Sowas wie die
Ministry aus Sachsen eben!" Dabei schwebte dem Sextett etwas
völlig anderes vor.
Immerhin kamen alle Bandmitglieder aus verschiedenen Ecken: Sänger
Donis war zwei Platten lang bei der Leipziger Dark-Wave-Legende "Love
Is Colder Than Death" zugange. Keyboarder Steffen sieht seine Wurzeln
zutiefst im Pop verankert, Gitarrero Joey und Bassist Rajko würgten
ihre Instrumente als ultrabrutale Trash-Metaller und auch Gitarrist Heavyette
kommt - wie der Name unschwer vermuten lässt - aus der Schmiede Leipziger
Metalbands. Drummer Kay brachte seine Liebe zu Samplings und Loops mit
und alle sechs verband die gemeinsame Leidenschaft für gute Popsongs.
"Die Pet Shop Boys," erklären alle ohne Umschweife ihre quasi
frühkindlichen Prägungen. "Es war immer wichtig, dass die
Musik ins Ohr geht und tanzbar ist," sinniert Donis.
Schon beim zweiten Album (Housebastards) liess sich die Melange der verschiedenen
Musikstile zu einem ansprechenden Ganzen zusammenfriemeln. Leider ohne
allzu grosse Unterstützung der Plattenfirma, die das der Band auch
recht deutlich ins Gesicht sagte. So blieb auch dem '96er Album Hellraver
der wirklich grosse Erfolg versagt.
Zeit also, sich nach einer neuen Plattenfirma umzuschauen, die Ärmel
aufzukrempeln und einen neuen Anlauf zu wagen. Als Plattenfirma wurde
Motor Music auserkoren, weil "die jung, engagiert und frisch sind"
(Steffen). Ausserdem hatte die Band für ihren Neuling 'Virus' endlich
soviel Zeit im Studio, bis sie mit dem Endresultat zufrieden war. "Und
da haben schon einige die Nerven geschmissen," grinst Donis sich einen.
Schliesslich war einer der Gründe für den immer wieder herausgeschobenen
Erscheinungstermin, dass die Band mit dem Erstmix nicht zufrieden war
und alles nochmals angingen. Diesmal mit Mark Stagg in Berlin, der auch
Eskimos & Egypts produziert hat.
Folgerichtig fangen Think About Mutation auch wieder ihre Zählung
von vorne an, denn jetzt passt die Mischung auch für sie: "Wir
machen schon gerne live Radau," schaltet sich Joey ein. "Wir würden
auch niemals auf die Gitarren verzichten. Aber es ist einfach kurzsichtig,
nur die Gitarren für die Härte sorgen zu lassen," doziert
Donis. "Bei uns kann ein Song verdammt hart sein,
weil der Beat einfach verdammt hart ist..." setzt Kay also
noch einen drauf. Für alle, die sich an den Beatwällen und megafiesen
Gitarrenriffs den Schädel blutig stossen, kommt allerdings Trost
in From von Donis' Gesang hernieder. Von bestem Pet-Shop-Boys inspiriertem
Trällern bis zu mega-arrogantem Hinrotzen á la Mark E. Smith
reicht die Palette des immer brit-poppigeren Vokalisten. "Und bei meinen
Texten weigere ich mich sowieso strikt, irgendwelche Interpretationshilfen
zu geben," wird Donis kategorisch. "Ich habe keine Message für
die Leute, das ist alles persönlich und codiert."
So steht der europaweiten Eroberung der Tanzflächen, Clubs und Konzerthallen
nichts mehr im Wege. Gerade waren ((tam)) im deutschsprachigen Raum mit
den Sisters of Mercy auf Tour, Anfang März starten sie ihre eigene,
um den Virus unters Volk zu bringen. Dort warten zwar auch Prodigy, Shamen
und Konsorten auf ihren Teil des Kuchens. Aber ((tam)) waren eine der
Ersten, die diese mittlerweile erfolgsträchtige Mischung aus groovigen
Houserhythmen, knatternden Gitarren, flappendem Drum&Bass mit einem
gehörigen Spritzer Techno versahen. Und dabei nicht auf die Melodienstruktur
vergassen, so dass einem nicht gleich der Tanzzeh abfriert oder die Plombe
'rausfällt.
"Wir werden immer auf die Poppigkeit achten," meint Rajiko. "Und
vielleicht auch einmal davon leben können," ergänzt Joey.
"So dass im Rentenalter nur noch Geld zählen und viel Sex bleibt,"
träumt Kay. "Oder Whiskey," assistiert Steffen. Also: Jeder
Widerstand ist zwecklos! Ergebt euch dem Virus! Gehet hin und tanzet!
© MEGALOMANIAC PRODUCTIONS 1998
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