Beweg' deine Hüften

Während sich andere Bands hechelnd auf die von Rammstein losgetretene Brachialgitarren meets Ministry-Welle aufschwingen, knallen die Leipziger Think About Mutation aus dem bösartig "Neufünfland" genannten Teil der Nachbarrepublik allen anderen den Sound um die Ohren, zu dem man knapp vor der Jahrtausendwende auf dem Vulkan tanzen sollte.


Ein enger Tourbus, sechs redefreudige Musiker mit einem herzerwärmendem Dialekt, eine beeindruckende Auswahl an Rauchwaren samt damit einhergehender wabbernder Nikotinwolke, etliche Bierdosen und Whiskeyflaschen waren diesmal die groben Rahmenbedingungen für das Interview mit Think About Mutation = ((tam)). Zusätzlich sollte man noch kleinere Unterbrechungen des gesamten Gesprächsverlaufs erwähnen, hervorgerufen durch solche Nichtigkeiten wie a) nachdrängelnden Journalistenkollegen, b) Soundcheck, c) Abendessen, d) Auftritt, e) anschliessender Gruppenkritik des Auftritts, f) a capella-Gesang mit Spontanreimen und g) beginnender Partystimmung samt ergreifenden Verbrüderungsszenen (schon wieder meine Fotografin...).

Diese vertrauensvolle Stimmung wollte ich auch keineswegs gefährden, deshalb entfällt hiermit offiziell die Erklärung des Bandnamens. - Ist dies doch eine der meistgehassten Journalistenfragen und wird auf der internen Ekelskala nur ganz knapp von "was wollt ihr mit euer Musik bezwecken" bzw. "habt ihr eine politischeMessage" getoppt.


lineup

Also wird ein anderer Einstieg gewählt und durch eine ausführlichste 40-Minuten-Antwort aller sechs Musiker geadelt. Zusammengefasst meint Sänger Donis folgendes: "Eigentlich begann ((tam)) als Projekt, da wir alle noch nebenher so einiges am Laufen hatten. 1992 machten wir dann unser erstes Tape 'Housebastards' und haben davon allein bei Konzerten so an die 5.000 Stück verkauft. Dann sind wir erst mal auf die Fresse gefallen, weil wir zu schnell einen Plattenvertrag unterschrieben haben."

Der Umstand, der andere Bands üblicherweise wieder an einen Gott glauben lässt oder zumindest hellen Jubel und den Ankauf eines neuen Paars Schuhe auslöst hinterlässt bei ((tam)) einen leicht bitteren Nachgeschmack. "Wir waren ein wenig zu naiv," meint Kay, der Drummer. "Wir haben uns zu schnell zu der ersten Platte (Motorrazor '93) drängen lassen. Unsere Zählung beginnt deshalb eigentlich erst mit dem Nachfolger (Housebastards '94) so richtig..." "Die Leute von unserer damaligen Plattenfirma Dynamica wollten aus uns so Industrial-Adepten machen," erinnert sich Donis heute noch verärgert. "Sowas wie die Ministry aus Sachsen eben!" Dabei schwebte dem Sextett etwas völlig anderes vor.

Immerhin kamen alle Bandmitglieder aus verschiedenen Ecken: Sänger Donis war zwei Platten lang bei der Leipziger Dark-Wave-Legende "Love Is Colder Than Death" zugange. Keyboarder Steffen sieht seine Wurzeln zutiefst im Pop verankert, Gitarrero Joey und Bassist Rajko würgten ihre Instrumente als ultrabrutale Trash-Metaller und auch Gitarrist Heavyette kommt - wie der Name unschwer vermuten lässt - aus der Schmiede Leipziger Metalbands. Drummer Kay brachte seine Liebe zu Samplings und Loops mit und alle sechs verband die gemeinsame Leidenschaft für gute Popsongs. "Die Pet Shop Boys," erklären alle ohne Umschweife ihre quasi frühkindlichen Prägungen. "Es war immer wichtig, dass die Musik ins Ohr geht und tanzbar ist," sinniert Donis.

Schon beim zweiten Album (Housebastards) liess sich die Melange der verschiedenen Musikstile zu einem ansprechenden Ganzen zusammenfriemeln. Leider ohne allzu grosse Unterstützung der Plattenfirma, die das der Band auch recht deutlich ins Gesicht sagte. So blieb auch dem '96er Album Hellraver der wirklich grosse Erfolg versagt.

Zeit also, sich nach einer neuen Plattenfirma umzuschauen, die Ärmel aufzukrempeln und einen neuen Anlauf zu wagen. Als Plattenfirma wurde Motor Music auserkoren, weil "die jung, engagiert und frisch sind" (Steffen). Ausserdem hatte die Band für ihren Neuling 'Virus' endlich soviel Zeit im Studio, bis sie mit dem Endresultat zufrieden war. "Und da haben schon einige die Nerven geschmissen," grinst Donis sich einen. Schliesslich war einer der Gründe für den immer wieder herausgeschobenen Erscheinungstermin, dass die Band mit dem Erstmix nicht zufrieden war und alles nochmals angingen. Diesmal mit Mark Stagg in Berlin, der auch Eskimos & Egypts produziert hat.

Folgerichtig fangen Think About Mutation auch wieder ihre Zählung von vorne an, denn jetzt passt die Mischung auch für sie: "Wir machen schon gerne live Radau," schaltet sich Joey ein. "Wir würden auch niemals auf die Gitarren verzichten. Aber es ist einfach kurzsichtig, nur die Gitarren für die Härte sorgen zu lassen," doziert Donis. "Bei uns kann ein Song verdammt hart sein, weil der Beat einfach verdammt hart ist..." setzt Kay also noch einen drauf. Für alle, die sich an den Beatwällen und megafiesen Gitarrenriffs den Schädel blutig stossen, kommt allerdings Trost in From von Donis' Gesang hernieder. Von bestem Pet-Shop-Boys inspiriertem Trällern bis zu mega-arrogantem Hinrotzen á la Mark E. Smith reicht die Palette des immer brit-poppigeren Vokalisten. "Und bei meinen Texten weigere ich mich sowieso strikt, irgendwelche Interpretationshilfen zu geben," wird Donis kategorisch. "Ich habe keine Message für die Leute, das ist alles persönlich und codiert."

So steht der europaweiten Eroberung der Tanzflächen, Clubs und Konzerthallen nichts mehr im Wege. Gerade waren ((tam)) im deutschsprachigen Raum mit den Sisters of Mercy auf Tour, Anfang März starten sie ihre eigene, um den Virus unters Volk zu bringen. Dort warten zwar auch Prodigy, Shamen und Konsorten auf ihren Teil des Kuchens. Aber ((tam)) waren eine der Ersten, die diese mittlerweile erfolgsträchtige Mischung aus groovigen Houserhythmen, knatternden Gitarren, flappendem Drum&Bass mit einem gehörigen Spritzer Techno versahen. Und dabei nicht auf die Melodienstruktur vergassen, so dass einem nicht gleich der Tanzzeh abfriert oder die Plombe 'rausfällt.

"Wir werden immer auf die Poppigkeit achten," meint Rajiko. "Und vielleicht auch einmal davon leben können," ergänzt Joey. "So dass im Rentenalter nur noch Geld zählen und viel Sex bleibt," träumt Kay. "Oder Whiskey," assistiert Steffen. Also: Jeder Widerstand ist zwecklos! Ergebt euch dem Virus! Gehet hin und tanzet!

© MEGALOMANIAC PRODUCTIONS 1998