Dunkler, schöner Schlaf

Jaja, im hohen Norden rappelt es bandmäßig ordentlich im Karton. Und wo der Elch tanzt, tanzen die Ehrenschweden von Megalomaniac Productions natürlich mit. Ihr Versuch, mit den schwedischen Krachmachern von Tiamat ein vernünftiges Gespräch zu führen, scheiterte zwar in Schönheit, aber sie bestehen trotzdem auf dessen Wiedergabe.


Megalomaniac Productions: Wie ging es mit Tiamat los?

Tiamat (alle): Haben wir acht Jahre Zeit? Oder wenigstens mehrere Stunden (kichern)?

MP (neuer Versuch): Johan - ich weiß, bei dir fing es mit "Treblinka" an und auch, daß du nicht so gerne darüber sprichst...

Johan: Ja, eigentlich will ich nicht wirklich über diese Sache reden, weil es schon so lange her ist. Es hat nichts damit zu tun, was wir heute tun. Ich war damals wirklich eine völlig andere Person. Du hättest mich das also vor zehn Jahren fragen sollen. Generell gehe ich eher von 1987 aus, als ich mit Tiamat anfing. - Oder mit 1989, als wir das erste Tiamat-Album ("Sumerian Cry" 1990) aufnahmen. Dies sehe ich als Beginn der Band an.


lineup

MP: Und "Tiamat" ist Sumerisch für was?

Johan: Tiamat ist ein sumerischer Gott. Eigentlich mag ich auch darüber nicht mehr reden, weil es heute eine andere Bedeutung hat. Es ist viel persönlicher. Für mich hat es keine geschichtliche Bedeutung, es ist kein irakischer Gott mehr. Es ist eher der Name für etwas, das mein Leben geworden ist.

MP: Seit damals hat sich die Zusammensetzung von Tiamat ja recht wesentlich geändert.

Johan: Ja und das ist eine andere Geschichte, über die ich nicht zu viel reden will. Wir hatten auf jeder Platte ein anderes line-up und es würde reichlich unübersichtlich, sich mit allen Mitgliedern zu beschäftigen die Tiamat verlassen haben oder dazugekommen sind.

MP (unfaßbar verständnisvoll): Damit kann ich leben, wer weiß, wie verwirrt ich dann beim Abtippen wäre... Mich interessiert viel mehr, wie euer Weg aus der Death-Metal-Ecke verlief. "Wildhoney" brachte ja einen völlig neuen Sound und veränderte euer Erscheinungsbild beträchtlich.

Johan: Ich habe diese Veränderung nie so richtig gesehen. Wir sind immer weiter gegangen und ich habe dabei nicht besonders darüber nachgedacht. Mit den wechselnden Mitgliedern und den Jahren, die vergingen, veränderte sich natürlich auch die Musik. Wir haben es nicht absichtlich gemacht, es ist einfach passiert. Wie die Evolution. (Tiamat schwätzen schwedisch miteinander und lachen schallend).

MP: Viele eurer frühen Fans können nur sehr schwer damit umgehen, daß sich eure Musik so radikal geändert hat. Einige versuchen, dich bei Konzerten deshalb anzuspucken. Trifft dich das?

Johan: Nun, für uns ist es kein Problem. Es ist ein größeres Problem für diese Fans. Sie zahlen um uns live zu sehen und brüllen dann die ganze Zeit nach Liedern vom ersten Album. Ich glaube deshalb, daß sie sich nicht wirklich mit uns auseinandersetzen. Sonst hätten sie nicht diese Erwartungen. Sie wüßten dann, daß wir immer wieder verschiedene Sachen machen.

MP: Was hat euch persönlich den Stil wechseln lassen? Wo liegen die Einflüsse?

Johan: Ich weiß nicht.

Anders: Das Leben.

Johan: Yeah! Lars: Älter zu werden.

Thomas: Ja, das Alter.

Johan: Wir versuchen immer, etwas so gut wie möglich zu machen. So gut wir können. So war das auch mit unserer ersten Platte (kichert haltlos). Auch wenn du es vielleicht nicht hörst. Aber das ist es: versuchen, etwas zu machen, das gut klingt.

MP: Wie wichtig ist dir die Wirkung der Musik auf der Bühne?

Johan: Ich denk 'mal, die Umsetzung ist für jede Band wichtig. Unsere Lichtshow ist da sehr wichtig. Sie wird sogar immer wichtiger und ich glaube fast, wir werden ein wenig davon abhängig. Vielleicht ist es ein bißchen langweilig uns ohne die Lichtshow zu sehen.

MP: Also sollte ich mich während eures Konzertes nicht einfach zurücklehnen und die Augen schließen?

Johan: Naja, wenn du in ein Konzert gehst, sitzt du ja nicht alleine auf einem bequemen Sofa. Du brauchst etwas anderes. Eigentlich wirkt unsere Musik besser, wenn du sie zu Hause hörst. Ich weiß nicht, ob wir eine "Live"-Band sind. Wir versuchen daran mit so Sachen wie der Lichtshow zu arbeiten...

MP: Macht es dann einen Unterschied für dich, ob du live spielst oder im Studio herumbastelst? Und wie ist es dann, wie diesen ganzen Sommer, auf Festivals zu spielen?

Lars: Es ist immer ein großer Unterschied...

Anders: ... ein Album aufzunehmen oder live zu spielen. Beides ist nett. Und auf Festivals zu spielen, heißt für uns - nehme ich 'mal an - daß wir eine größere Menge erreichen. Aber natürlich... (alle Schweden lachen auf einmal unbändig und bewerfen sich mit Lakritze)

Johan: Live zu spielen ist vielleicht der größere Kick, ein persönlicher Kick, wenn du willst. Aber es ist kein langer Kick. Es ist nicht wirklich kreativ. Ich glaube, ich bin nach einer Aufnahmesession zufriedener, weil ich weiß, dies wird länger halten. Live zu spielen, ein großes Publikum zu haben - dies gibt dir einen Kick, der nur einige Stunden hält. Und dann fängst du an, schon an die nächste Show zu denken.

MP: Es wurde gesagt, daß auf "Wildhoney" nur Drogenlieder für Drogensüchtige sind. Wie ist denn das entstanden (im Hintergrund hört man das dezente Zischen, wenn Bierdosen aufgerissen werden...)?

Johan: Wir sind keine Band, die Drogen bewerben. Sind wir nicht.

MP: Ach, Glück kann auch eine Droge sein. Drogen müssen nicht unbedingt etwas illegales sein. Kaffee kann eine Droge sein, Liebe kann eine Droge sein, Sex kann eine Droge sein...

Johan: Liebe ist eine ziemlich starke Droge.

Thomas (verträumt): Eine der stärksten...

Lars (realistisch): Alkohol ist eine Droge (öffnet eine neue Bierdose)!

MP: Als ich mir euer neues Album "A Deeper Kind Of Slumber" angehört habe, bin ich richtig weggedriftet. War das deine Absicht dabei?

Johan: Ich erinnere mich, daß Thomas in selbigem Interview gesagt hat, daß dies Album selber eine Droge ist - was ziemlich gut ist. Man muß keine Drogen nehmen, um in die Platte zu kippen. Sie selber schafft eine ähnliche Stimmung.

MP: Wie wichtig ist es für dich, deine Gefühle in den Liedern auszudrücken? Mußt du etwas 'rausschreien?

Johan: Ich habe keine Ahnung, warum ich immer wieder so etwas gefragt werde. Die Leute glauben offensichtlich wirklich, daß ich übersensibel bin, nur weil wir andere Gefühle zeigen, als andere Bands. Es ist eine sehr sinnliche Musik, aber die meisten Bands... (Thomas bringt Lars gerade bei 'noch zwei Bier, bitte' zu sagen) ... nun, einige stehen einfach auf der Bühne und brüllen ihre Agressionen heraus. Wir hingegen schreien mehr unsere Qual heraus.

MP: Fühlst du dich manchmal mißverstanden?

Johan: Ja, ziemlich häufig. Aber es ist nicht wirklich wichtig. Ich meine, ich erwarte von niemandem, uns zu verstehen. (mehrfaches 'Skol' der Trinkfraktion).

MP: Woran liegt es, daß gerade aus Skandinavien so viele Metal-, Gothic, was-auch-immer-Hard-Rock-Bands im Vergleich zu Resteuropa kommen?

Lars: Es ist kalt und langweilig.

Johan: Ja, draussen ist es kalt, also bleiben wir in unseren Proberäumen.

Thomas: Ich glaube, daß in den Anfangstagen des Metals einige gute Bands auftauchten, also ist es wohl so eine Art Tradition.

MP: Wenn ich mir so deine Musik anhöre, liege ich wohl nicht völlig falsch, wenn ich dir Experimentierfreudigkeit unterstelle. Wo wird dich das dann bei dem nächsten Album hinführen? - Abgesehen von noch mehr Vogelgezwitscher?

Johan: Oh, das haben wir von Pink Floyd geklaut. Ich glaube nicht, daß das experimentierfreudig ist. Es hat mehr mit Langeweile zu tun. Wir sind leicht gelangweilt, wenn wir die selben Sachen machen müssen, also versuchen wir es immer wieder auf andere Arten. Es geht darum ein ähnliches Gefühl mit anderen Elementen zu schaffen.

MP: Du bist ziemlich ruchlos darin, dies zu erreichen, nicht? Ich kenne viele Bands, die sich wirklich Gedanken darüber machen, ob die Fans ihre Stilwechsel auch mitmachen werden. Dies entspricht dir ja nun überhaupt nicht.

Johan: Nun, unseren ersten großen Erfolg hatten wir mit "Wildhoney" und das ganze Album haben wir eigentlich nur für uns selbst gemacht und keinen Gedanken daran verschwendet, was andere Leute wohl darüber denken mögen.

Anders: Ich glaube sowieso, daß Leute nur eine Band mögen, die zuerst einmal selber mit dem Material glücklich sein will. Das ist bei uns genauso, und das merkt man. Wenn wir versuchen würden, da etwas vorzumachen, wäre es nicht dasselbe.

MP: Du hast auch einmal gesagt "wir mischen die 70er mit den 90ern, und FUCK die 80er". (alle lachen)

Johan: Ja, definitiv. Ich hasse sie. Sie sind Käse. Nein, im Ernst - es sind einige gute Songs in den 80ern geschrieben worden, aber sie sind nie gut 'rübergekommen. Sie klangen Scheiße. Dieses ganze Zeug mit Drumcomputern. Die Produktionen mit den ersten Samples, mit dem ersten digitalen Equipment, wo der Klang so lausig ist...

MP: Stimmt es, daß du letztes Jahr nur neun Tage zu Hause warst?

Johan: Nein, das war 1995. Letztes Jahr war ich sogar ziemlich viel daheim. Und bisher, also in diesem Jahr wieder erst drei Wochen.

MP: Laß mich raten - du hast eine funktionierende Beziehung...

Johan: Oh ja, aber nicht zu Hause, sondern in Dortmund. (Pause) Fuck, ich weiß nicht, ob das praktisch ist (ALLE brüllen). Aber es ist hart. Das Leben ist hart...

Lars: ... und dann stirbst du! Thomas: Hormone!!

MP: Erzählt mir ein bißchen von euren Zukunftsplänen.

Lars: Haben wir eine Zukunft?

Alle: Touren, touren, touren und dann noch ein wenig touren. Und dann eine neue Platte und danach wieder touren, touren, touren und touren.

MP: Wann können wir das nächste Album erwarten?

Johan (wenigstens ehrlich): Ich weiß nicht.

Anders: Erwarte niemals ein nächstes Tiamat Album. Aber wahrscheinlich noch in diesem Jahrhundert.

MP: Danke für dieses unvergeßliche Interview.

Tiamat: Skol.

Lars: Noch ein Bier, bitte.

Johan: Wo ist das Bad?

© MEGALOMANIAC PRODUCTIONS 1997