luetke
intro

Man könnte auch sagen, dass es wieder einmal Zeit für eine Tour ist, deshalb machen wir das jetzt auch: Also, es ist wieder einmal Zeit für eine Tour!!! Angeblich soll die nächste zusammen mit Pain im Januar 2001 starten... Mit Megalomaniac Productions plauderte Atrocity-Gitarrero Thorsten Bauer stundenlang über die Entwicklung der Band, die Lust am Neuen, Bühnenklamotten und die Liebe zum langen Haar.

Megalomaniac Productions: Ihr seid als Band ja schon fast eine Ewigkeit zusammen...

Thorsten Bauer: (lacht) Ja, die Band gibt's schon ziemlich lang. Hat sich schon irgendwann 1985 als Schülerband formiert. Von dem Line-up sind allerdings nur noch zwei dabei. 1989 kam die erste Single "Blue Blood", ein ganz wüstes Teil, bei Nuclear Blast raus. Danach folgte die erste Platte "Hallucinations", die wir in Amerika aufgenommen haben. Übrigens im Morrissound - damals das Mekka des Death Metal. Und wir hatten ein Cover von Giger (Anm.: Schöpfer des Alien-Monsters), was auch vom Stil her eine ganz eigenwillige Sache war. Es gab dann Probleme mit Nuclear Blast und die Band hat sich dann 1991 getrennt, aber da war ich noch nicht in der Band. 1992 kam auf Roadrunner das zweite Album "Todessehnsucht", dann die Tour mit Sodom und Deicide. War natürlich eine geile Platte und wurde auch oft kopiert - besonders unsere Idee mit den Schlammbildern... Genauso wie unser Cover mit der Rose später, kann fast sagen, von Tiamat auf "Wildhoney" übernommen wurde.


lineup

MP: Ihr habt also schon immer gerne mit ungewöhnlichen Elementen gearbeitet?

TB: Genau! Damals war ja ein Titel wie "Todessehnsucht" noch sehr ungewöhnlich. In Amerika kam die Platte als "Longing for Death" heraus. Mittlerweile gibt's eine Band wie Rammstein, die dort gerade abgefeiert wird, weil Ihre zweite Platte "Sehnsucht" heisst. (lacht) Also, daran sieht man, wie sich die Zeiten doch ändern.

MP: Und weiter?

TB: 1994 sind Atrocity zu Massacre Records, weil Roadrunner sehr gross waren, viele Bands hatten und wir nicht so unbedingt die volle Aufmerksamkeit bekommen haben. Bei Massacre haben wir auch "Blut", mit dem Dracula-Konzept dahinter, aufgenommen. Das Video dazu wurde übrigens an Originalschauplätzen in Rumänien gedreht. Das hat damals, wegen der Folklore-Elemente, der Band ganz neue Wege geöffnet. 1995 kam dann das "Liebe"-Album, was zum erstenmal irgendwie so 'ne Art Pionieralbum war. Dark Wave goes Metal war ja damals noch etwas ganz Neues. Das konnte man auf der "Blut, Staub und Liebe"-Tour sehen, weil da richtig diese Grüppchen gekommen sind: auf der einen Seite Dark Wave und auf der anderen Seite Metaller. Das hat man auch deutlich gespürt. Das ist heutzutage natürlich nicht weiter spannend, aber daraus ist ja irgendwie diese ganze Goth-Metal Sache entstanden.

MP: Das klingt ja fast bedauernd!

TB: Nö, das ist nicht bedauernd, um Gottes willen! Es war schon aufregend, als diese zwei Szenen miteinander verschmolzen sind. Auch davor gab's schon Bands wie "Paradise Lost", die in der Ecke einiges gemacht haben. Wie gesagt, da ist ein richtiger Boom entstanden - nur zu dem Zeitpunkt wo wir die Platte aufgenommen haben, war das noch nicht so - auch wenn sich das jetzt grosskotzig anhört. 1996 kam "Willenskraft", ein reguläres Album. Wir hatten nach den Projekten "Calling the Rain" und "Liebe" wieder ziemlich Lust voll draufzuhauen.

MP: Und dann kam wieder etwas Neues...

TB: Ja, dann kam eben die Sache mit "Werk 80". Die entstand noch während der "Willenskraft"-Phase, da hatten wir einen Gig mit "Das Ich" und ich war mit Alex unterwegs nach Schweden. Wir fuhren also im Auto und haben diese ganzen alten Sachen angehört. Da haben wir gesagt "das könnten wir auch gut machen" und "Ohhh, das ist aber eigendlich auch ein geiler Song" und so ging's die ganze Zeit. Wir hatten dann irgendwann die Idee, "lass uns das doch einfach machen". Wir haben dann unsere Songs zusammengezählt und von jedem kamen so fünf bis zehn Lieblingslieder. Wir haben nur darauf geschaut, dass es keine Songs sind, die ganz leicht zu machen sind. Also haben wir uns für Songs wie, "Let's Dance" von David Bowie und "Don't go" von Yazzoo entschieden.

MP: War es schwierig die Rechte zu kriegen?

TB: Ja, total! Es gab dann auch einige Reaktionen, z.B. von Real Life die uns schon mehrmals geschrieben haben und denen die Version von "Send me an Angel" richtig gut gefallen hat. Aber es war schon ein Risiko, weil man wusste ja nicht, wie das von den Metal Fans aufgenommen wird. Ich weiss noch, als die erste Single kam (Anm.: "Shout"), da haben mir Musiker - deren Namen ich jetzt wohl besser nicht nenne - gesagt: "Wer soll die Scheisse kaufen?"

MP: Echt, so heftig? Hat euch damals die Plattenfirma unterstützt?

TB: Die Idee war von uns, aber Massacre hat damals wirklich mitgezogen. Ich muss schon sagen, wir hatten da immer totale kreative Freiheit. Sonst wären Alben wie "Die Liebe" oder "Werk 80" überhaupt nicht möglich gewesen.

MP: Und dann wart ihr reich und berühmt und habt immer so weitergemacht...

TB: Wir haben uns schon überlegt wie's für uns weitergeht. Und deshalb haben wir uns entschieden zu investieren und unser eigenes Studio gebaut.

MP: Das heisst, es gehört euch gemeinsam und ihr teilt die Tantiemen und GEMA-Gebühren unter euch auf?

TB: Ja, das ist eine Sache, die bei uns eh relativ demokratisch abläuft, muss ich sagen. Auch wenn man als Repräsentant hauptsächlich den Alex kennt, gibt's da eine sehr gute Banddemokratie, sonst würde es wohl auch nicht so funktionieren.

MP: Aber wie seid ihr denn bei Motor gelandet?

TB: Nun, sie haben uns ganz einfach das beste Angebot gemacht. Also haben wir den Vertrag mit ihnen unterschrieben und sind jetzt damit auch superglücklich.

MP: Auch wegen des Umfeldes, weil ja auch Rammstein da sind?

TB: Absolut, also es gibt ganz viele Acts bei Motor, wie Brian Adams und Sting, wo man jetzt obligatorisch nachfragen könnte, ob wir nicht der kleine Fisch im Riesenteich sind. Diese Befürchtung gibt's natürlich immer.

MP: Also keine Angst vor dem grossen bösen Major?

TB: Diese Angst kennt jeder Musiker. Dass man bei einem Major Label untergeht. Aber bisher ist das bei Motor überhaupt nicht der Fall, die stehen zur Band und haben beide Beine mitten im Leben. Also die wissen genau, wo die Band steht und wie sie das Thema anpacken müssen und es ist nicht bloss so eine "nur-mal-gucken" Geschichte und deswegen sind wir auch absolut glücklich damit

MP: War es für euch wichtig, dass Motor durch Rammstein Erfahrung hat mit der Vermarktung von harten Bands und nicht plötzlich erwartet, dass ihr weichgespülter werdet?

TB: Ja, das ist richtig. Also Motor ist definitiv eine Firma, die nicht nur auf Mainstream geht, sondern wo Musik wirklich auch noch was zählt und die auch, sag ich jetzt mal, Nischenmusik absolut fördert. Also wirklich eine angenehme Situation.

MP: Was war dann eigentlich trotzdem der Grund, dass Ihr bei Massacre weg seid?

TB: Nun, der Vertrag ist ausgelaufen es kamen die ersten paar Anfragen. Wir haben Massacre natürlich gesagt, dass sie ein "Erstrecht" bekommen, aber wir wollten uns auch umschauen, was die Band am ehesten weiterbringt. Massacre ist ein Indielabel das im Ausland nicht besonders viel Power hat. Motor hat da hingegen bei anderen Bands schon sehr gute Jobs gemacht. Wir dachten einfach, das bringt die Band weiter und deswegen haben wir da unterschrieben.

MP: Und wie hat sich das auf die neue Scheibe "Gemini", die bei Motor erschienen ist, niedergeschlagen?

TB: Nun, ich denke die neue Platte ist wesentlich härter, die Gitarren sind wieder massiv am Start. Wir sind also musikalisch härter geworden - ich denke dabei an Songs wie "Das elfte Gebot", "In Black", andererseits aber melodiöser, zugänglicher wie bei "Gemini" oder "Liebesspiel". Die Platte besteht eigentlich aus zwei groben Blöcken. Auf der einen Seite das rockige, rythmische, tanzbare - und auf der anderen Seite das melodiöse, hymnische Element. Und so dual wie die Musik ist, ist auch der zweisprachige Gesang. Deshalb haben wir uns letztendlich auch entschlossen, die Platte mit zwei verschiedenen Cover rauszubringen .

MP: Ist es nicht gefährlich, wenn einem das Studio sowieso gehört, dass man zu lange drin bleibt? Wenn man nicht den Druck im Nacken hat, dass man nach zwei Wochen wieder raus muss?

TB: Ja, natürlich besteht die Gefahr und ich möchte gar nicht abstreiten, dass wir ihr überhaupt nicht erliegen. Es war schon so. Wir haben die Zeit bis zur Promo-CD komplett ausgenutzt und da kamen insgesamt schon so eineinhalb Jahre zusammen.

MP: Wie schaut das denn mit der optischen Umsetzung aus? Ihr habt ja seit "Werk 80" geradezu berüchtigte Shows...

TB: Du meinst unsere Mädchen? Das hat sich nach "Werk 80" eben so ergeben. Auf jeden Fall wollten wir bei Atrocity den Leuten immer auch live etwas bieten. Jetzt haben wir z.B. völlig abgefahrene Klamotten, die man sich schon auf dem neuen Video zu "Taste of Sin" ansehen kann.

MP: Und wie sehen die Klamotten aus? Vorgeschmack? Beschreiben?

TB: Die sind eine Mischung aus Mad Max und den Borg von StarTrek, würde ich mal sagen! Na, wir sind eigentlich relativ gut eingepackt und sehen recht abgefahren aus.

MP: Wie lange braucht ihr, um in die Kostüme zu kommen?

TB: Das ist 'ne gute Frage. Diese Kostüme sind aus Neopren, also aus Tauchermaterial. Wir werden uns live zu Tode schwitzen... Es werden wohl auch wieder Tänzerinnen dabei sein. Und wir haben Gitarren und Schlagzeug total verchromt. Vielleicht gibt's auch einen Zauberer auf der Bühne, oder wir schweben selber... Aber das sind alles Sachen, die ich noch nicht bestätigen kann.

MP: Bei Atrocity hat sich musikalisch seit den Anfangszeiten höllisch viel getan. War das irgendwie logisch oder kommt das durch die verschiedenen Persönlichkeiten?

TB: Ja, Bandphilosophie war es schon immer, sich nicht unbedingt zu wiederholen, sondern zu versuchen jedes Mal etwas Frisches zu machen... Von daher waren das eigentlich logische Schritte. Es hätte keinen Sinn gemacht nach dem Erfolg von "Blut" noch einmal mit einem Vampiralbum zu kommen. Es hätte auch keinen Sinn gemacht "Willenskraft II" aufzunehmen, so wie's jetzt keinen Sinn gemacht hätte "Werk 80 II" aufzunehmen.

MP: Viele Bands hätten es natürlich genau so gemacht!

TB: Ja, das wäre auch in gewisser Weise leicht. Auf der anderen Seite erwarten unsere Fans fast schon, das wir was Neues bieten. Und die Fans, die wir haben, sind auch sehr tolerant, relativ aufgeschlossen und offen, was sie auch zwangsläufig sein müssen. So Sachen wie True Metal finde ich o.k., also Bands wie Hammerfall, aber da stehen wir genau am anderen Ende. Also wir versuchen uns selber in Frage stellen, versuchen irgendwie nach vorne zu sehen und eine neue Herausforderung zu finden. Und das ist eigentlich schon so ein Markenzeichen der Band.

MP: Auf eurer Homepage ruft ihr die Fans auf, euer Video bei VIVA und MTV auf Rotation zu bringen. Ist die Zeit für harte Klänge wieder vorbei?

TB: Ja das ist immer noch ein Problem. Wir haben ein relativ opulentes Video gedreht und wie wir auftreten ist natürlich ziemlich wild - mit viel Feuer und Tänzerinnen und auf einer grossen Theaterbühne. VIVA tut sich halt sehr schwer mit deutschen Bands, die eine grosse Show fahren. Deren Meinung nach sollten deutsche Bands eher Understatement bieten, und da passt dieses Video natürlich gar nicht hinein.

MP: Hat man auch eine brutale Ästhetik vorgeworfen?

TB: Ja, also hauptsächlich eben bei diesem letzten Video. Sonst eigentlich nicht unbedingt - wir standen ja nie im Ruf Faschos zu sein, weil wir immer ganz klar Stellung bezogen haben. Auch bei dem Song "Lili Marleen" den wir jetzt gecovert haben ist es so. Früher haben wir auf der Bühne Hakenkreuze zerkloppt, wenn wir einen Song wie "Mussolini" oder "Willenskraft" gespielt haben und in Interviews haben wir immer ganz klar gesagt was Sache ist. Bei "Taste of Sin" ist eher unser Problem, dass wir offenbar ein ungeschriebenes Gesetz brechen, dass nur Amibands grosse Shows auffahren dürfen.

MP: Und lebt ihr den Spirit of Rock 'n Roll? So Sex und Drogen und Parties ohne Ende?

TB: Tja, da muss ich dich leider ein bisschen enttäuschen. Erstens sind alle fünf von uns in festen Händen, und zweitens haben wir vier Vegetarier und drei komplette Abstinenzler in der Band. Von daher sind wir also privat ganz anders, als auf der Bühne... Da fällt mir übrigens eine witzige Geschichte ein. Jemand hat beim Videodreh zu mir gesagt: "Ach, dass ist ja das alte Klischee, das ihr vertretet: Harte Musik, von antialkoholischen Vegetariern gemacht!" Wir können halt auch so gut feiern!

MP: Könntest du dir vorstellen - wie Metallica - einfach die Haare abzuschneiden?

TB: Also der Matze hat sich ja bei uns die Haare abgeschnitten. Ich denke es ist auch 'ne Sache wie man dazu steht, also Metallica wurde das schon ordentlich angekreidet und als ich die Bilder gesehen habe war auch ich etwas befremdet. Andererseits kann ich durchaus verstehen wenn die Band sagt: Wir rennen seit 15 Jahren mit langen Haaren herum, wir haben jetzt mal Lust auf was anderes. Im Moment sind wir noch ganz stolz auf unsere Haare - auch, weil es gerade total out und uncool ist, lange Haare zu haben. Das ist dann schon wieder ein Anreiz das beizubehalten. Aber wer weiss, vielleicht gehen sie irgendwann aus...

MP: Was für ein schönes Schlusswort. DANKE!

© MEGALOMANIAC PRODUCTIONS 2000 | 12

Wenn ihr mehr über die Band wissen wollt, dann seht euch doch einfach auf ihrer wirklich netten Homepage um: http://www.atrocity.de
Und wenn ihr Infos zu Touren, etc. sucht, dann seid ihr bei ihrer Plattenfirma an der richtigen Adresse: http://www.motor.de/_kuenstlerseiten/_atrocity/index.html