luetke
intro

Megalomanaic Productions: War dir schon als kleines Kind bewusst, dass du später einmal Maler werden willst?

Joachim Luetke: Ähm, das es irgendwas in der Richtung sein würde, war klar. Draufgekommen bin ich wahrscheinlich schon mit drei oder vier Jahren. Meine ersten Zeichnungen waren auf Butterbrotpapier. Und so gings halt quer durch die ganze Schulzeit. Das hat mich auch immer und regelmässig zum Liebling der Lehrer gemacht. (lacht)

MP: Wie fing dann deine "richtige" Ausbildung an?

JL: So '74 bin ich in die Schweiz, zur Kunst- und Gewerbeschule nach Basel. Ich wollte danach eigentlich Graphiker werden, weil das war aus meiner damaligen Perspektive das Höchste, was man mit dem Kurs machen kann, ohne dass man zu Hause rausfliegt. Aber ich habe die Aufnahmeprüfung für die Spezialisierung mit einem halben Punkt versaut - ein Fingerzeig Gottes! Ich habe dann zwei Jahre lang nichts gemacht, ausser viel gelesen. Die ersten Kerouac-Geschichten, viel Philosophie, das ganze Hesse-Programm.

MP: Kam da die Erleuchtung?

JL: Nö. Dann kam Uschi. Dann kam die Muse, wenn du so willst. Da hat dann das ganze so einen Punkt gekriegt.


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MP: Wie denn? Nur dadurch, dass du deine Frau kennenlernst, weisst du plötzlich, was du alles willst?

JL: Es ist schwer zu erklären. Mit der einen Frau geht es nicht, mit der anderen - meiner - schon. Sie ist ein Katalysator. Durch Gespräche, durch Weltbilder war plötzlich sowas wie ein Ziel für mich da. Eines mit fest umrissenen Konturen: Nämlich wirklich Richtung Malerei zu gehen und mich das auch zu trauen. Uschi hat mich, in psychischer Hinsicht, sehr unterstützt. Dies "das kannst du nicht machen, du musst einen Beruf haben", war normal in dem Dorf, aus dem ich kam. Du kannst dir zwar Auszeiten nehmen, aber im Anschluss daran hast du gefälligst was zu tun, was geregelt ist und jeder versteht!

MP: Wie bist du dann von Basel weggekommen?

JL: Ganz einfach: ich bin eines Tages einfach nicht mehr hin. (lacht) Ich habe zu Hause mein Atelier gehabt und dort gearbeitet. Auf dem elterlichen Grundstück gab es ein kleines Häuschen, der Kühlschrank war voll und Uschi hatte ab und zu einen Halbtagsjob - das hat genügt. Der Plan, nach Wien zu gehen, entstand durch einen neuen Nachbarn, einen Kunstsammler. Der meinte, was ich so mache, das sei "Wiener Schule". Ich habe aber nicht gewusst, was "Wiener Schule" sein soll. Deshalb haben wir uns einfach so ein kleines DuMont Lexikon des Phantastischen Realismus gekauft. Und siehe da: es ging wirklich sehr in die Richtung. So war es eben klar, nach Wien zu gehen. Weil ich das dann wirklich lernen und aus dem Amateurstatus raus wollte. Ich hatte mir das bis zu einem gewissen Punkt alles selbst beigebracht, aber das genügte dann nicht mehr.

MP: An der Wiener Akademie nehmen sie ja nicht jeden. Wie lief das?

JL: Das war wieder Uschi. Wenn sie sowas vorhat, dann geht das einfach. Sie ist vorausgeflogen. Sie hatte damals, Anfang der 80er, so einen klassischen "Basel-Wien-Basel plus drei Übernachtungen"-Kurztrip gebucht. Und in diesen drei Tagen hat sie eine Wohnung gefunden und einen Termin an der Akademie klargemacht. Dann sind wir nach Wien gezogen, haben die Bude eingerichtet und waren dann - bis auf hundert Schilling*) - pleite.

MP: Was habt ihr mit dem Hunderter gemacht?

JL: Wir haben uns "Der Mann, der vom Himmel fiel" mit David Bowie im Kino angeschaut. Und haben uns Jobs gesucht: Uschi halbtags als Kindermädchen und ich habe am Wochenende bei einem Altwarenhändler gearbeitet. Wohnungsentrümpelungen und so. Das war dann bei beiden für 50 Schilling die Stunde, sprich keine Reichtümer. Aber auf die Art und Weise habe ich die Stadt auch sehr gründlich kennengelernt.

MP: Aber wie ist das denn nun mit der Akademie gelaufen?

JL: Ich hatte ja den Termin. Da bin ich also hin, aber nicht hereingegangen, weil ich Schiss hatte. Ich bin draussen gestanden, vorm Portal, in diesem kleinen Park, und habe Kette geraucht. Mit kurzem Haar, so einer New-Wave-Frisur und einem dieser unsäglichen Parkas. Also hat sich Uschi die Mappe mit meinen Arbeiten geschnappt und ist hochgelatscht. Wir wollten ja zum Professor Hausner und zufällig war der da, obwohl er eigentlich nur alle fünf - sechs Wochen einmal vorbeischaut. Aber an diesem Tag war er dort, sie hat ihm das Zeug gezeigt und er hat nur gesagt: "Er ist drin." Ohne Prüfung. Damals ging sowas noch, das waren die Professoren ja klassische Alleinherrscher. So war ich dann plötzlich an der Akademie der Bildenden Künste, in der Meisterklasse von Professor Rudolf Hausner. Und das habe ich dann 12 Semester lang gemacht.

MP: Du hast dann auch angefangen Plattencover zu machen. War das für dich nur ein Nebenschauplatz?

JL: Der Faktor Musik war eigentlich von Anfang an wichtig und der Wunsch in diese Richtung zu arbeiten, war schon während der ganzen Akademiezeit da. Erst bei Metal passte die Optik wirklich für mich. Es war diese Welle auf die ich warten musste - zu der passten meine Sachen. Und so kam es dann auch Ende der 80er: da gab es die Bands und die Nachfrage und ich konnte das.

MP: Aber wie kamen die denn auf dich?

JL: Ich habe ein paar Firmen angeschrieben. So hat das mit Mekong angefangen. Daraus hat sich die Zusammenarbeit mit Rage entwickelt. Sprich: Peavy (Anm.: Peter Wagner) hat meine Entwürfe bei Hubert unterm Sofa gefunden (Anm.: Ralph Hubert, dem Mekong-Mastermind). Ich habe dann für Bands, wie Speed Limit, Blind Petition, Pyracanda, Ravenous, Destruction, Protector, Rage und Mekong Delta Plattencover gemacht. Für mich war das halt ein Kunstaspekt, den ich immer schon dabei haben wollte. Und den will ich auch heute noch dabei haben.

MP: Auch deine Arbeitweise änderte sich: du kamst zum "Basteln".

JL: Irgendwann kam das Loslösen von diesem "-ismus", also dem Phantastischen Realismus. Weil es mich gelangweilt hat. Ich habe mich auf das konzentriert, was ich für mich gesehen und gespürt habe. Und daraus sind dann im Endeffekt die Skulpturen geworden. Die ersten waren sehr archaisch. Ich habe dafür alte Gewebe, Metall, Holz und Naturstoffe wie Nägel und Haare verwendet. Im weitesten Sinn waren es grosse Puppen.

MP: Werden Wohnungen mit solchen Puppen sicherer, weil jeder Einbrecher vor Schreck einen Herzinfarkt bekommt?

JL: Könnte sein. Es sind wohl nicht so ganz Kuschelpuppen. Aber sie waren ganz schwierig zu verkaufen. Es war keine Geldfrage, sondern sie trafen einen ganz bestimmten Nerv. Und es gibt viele, die damit nichts zu tun haben wollen. Es hat etwas mit der eigenen Vergänglichkeit, dem Tod zu tun - aber keinem romantischen, sondern einem endgültigen. Und vielleicht mit einer ganz seltsamen Art des untot seins, was noch schlimmer ist.

MP: Marilyn Manson hat Puppen von dir benutzt und das hat dir wiederum Impulse gegeben. Wie passierte das?

JL: Es war einmal ein Sommer... (lacht) Zuerst einmal hat mich seine Musik beeindruckt. Dann gab es die Frau Spitra, die ihn interviewt hat und die hat ihm ein Video, das meine Arbeiten zeigt, gegeben. Das hat ihm gefallen und er hat angerufen und wollte diese Sachen für ein Videoclip (Anm.: "Long Hard Road Out Of Hell") haben. So fing das an. Ich habe ihm dann fünf Puppen rübergeschickt, aber nichts dafür bekommen, weil ich nichts, ausser den Unkosten wie Transport und Versicherung, verlangte. Ich wollte, dass die Sachen im Clip drin sind. Es war ja so viel interessanter, weil ich damit meine eigene Website promotet habe und dadurch entsetzlich viele Zugriffe hatte.

MP: Schiesst du dir nicht deine Sachen selber ab, wenn du sie kostenlos ins Netz stellst?

JL: Es ist letztendlich Ansichtssache. Es gibt den klassischen Kunstmarkt mit Galerien und wenigen Leuten, die es sich leisten können, sie zu kaufen. Das ist mir zu klein, zu uninteressant und hat sich meiner Meinung nach in dieser Form vollkommen überholt. Mich interessiert auch nicht mehr der Einzelne, der mir z.B. 150.000 Schilling für etwas hinlegen kann. Mir ist es lieber wenn ich tausend Poster davon für 150 Schilling verkaufen kann. Eben nichts elitäres mehr, sondern Kunst für alle. Und da ist das Internet im Grunde das Medium, auf das ich warten musste.

MP: Was kriegen die Leute denn auf deiner Website zu sehen?

JL: Eine dramaturgisch ausgearbeitete Website. Keine Galerie im Netz, sondern eine Geschichte, wo das ganze Design auf die Arbeiten abgestimmt ist und alles von mir ist: Dramaturgie, Arbeiten, Navigation, Inhalt, Design, alles. Die "neue" luetke.com3.0 ist Ende Januar ins Netz gegangen. Sie ist völlig neu konzipiert und auch voll auf das Kunstbuch (Anm.: "Posthuman") abgestimmt, das Anfang März herauskommt. Es ist eigentlich das Buch im Netz gespiegelt. Im wesentlichen wird es ein Querschnitt durch mein Schaffen sein, mit Cover-Artworks und Bildern. Es gibt eine eigene Manson-Abteilung von zehn Doppelseiten mit der Figur Marilyn Manson, die eingearbeitet ist in meine Skulpturen. Aber damit ist Manson jetzt abgeschlossen. Das hat seinen Höhepunkt im Buch gefunden. Und dann soll noch ein online-Shop folgen, wo man das ganze Merchandise ordern kann...

MP: Wie schwierig ist es, wenn du auf der einen Seite kreativ sein musst und andererseits musst du Geschäftsmann sein, um dich so zu vermarkten. Brauchst du da nicht einen Manager?

JL: Ich habe nach wie vor den gleichen: meine Frau Uschi. Sie macht und konzipiert das. Die künstlerische Ebene ist meine, also zum Beispiel die Welten des Marilyn Manson und die Welten des Joachim Luetke zu kombinieren, das mache ich. Aber das optimale Umsetzen, das macht sie. Das hat auch immer funktioniert.

MP: Was ist denn jetzt dein nächstes Projekt?

JL: Das nennt sich "Book Of Days" und ist auch eine Webgeschichte, die nachher als CD-Rom und als Paperback herauskommen soll. Das ist ein Countdowen vom Jahr 2000 zum Jahr 2001, also bis zum eigentlichen Beginn des neuen Jahrtausends. Das bedeutet für jeden Tag eine Geschichte, macht insgesamt 366. Die schreibt der schottischer Horrorautor Richard Wright und die Optik ist von mir. Irgendwann kommt dann - auch im Netz - "Necropolis - City of the Death". Wir entwickeln dort eine Stadt und alle die dort leben sind tot. Das ist ihr Riesenproblem, weil alle Ängste nun anders sind. So gibt es zwar Krankheit, Verwesung und Schmerzen, aber keinen Tod mehr, keine Erlösung...

MP: Woher kommt deine Faszination, deine enge Bindung an Horror? Wenn ich so an deine Video-Sammlung denke, wird mir kalt!

JL: Ich habe nicht nur das Blut-und Metzel-Programm. Das schaue ich mir anstelle von Zeichentrickfilmen an (grinst). Das ist für mich genauso Comic... Aber wirklicher Horror entsteht anders. Sachen wie "The Haunting of Hillhouse" sind für mich Horror. Das ist die Geschichte eines sehr grotesken Hauses, in dem niemand leben kann. Und in dieses Haus kommt ein Wissenschaftler mit drei Leuten, die sehr sensitiv sind, die "Dinge" spüren können. Die Geschichte dreht sich nur um die Reaktionen dieser drei Leute auf Phänomene. Und das ist dermassen grässlich, das ist einfach unvorstellbar. Es ist ein unsichtbarer, ein psychischer Horror. Es ist die alte Geschichte aus dem Horrorgenre: zeige das Monster, oder zeige es nicht. Der Splatterfilm zeigt das Monster, nach dem Prinzip "schau her, hier ist es". Wenn ich das Monster aber nicht zeige, lebt es nur in deiner eigenen Vorstellung - und das ist viel schrecklicher, als alles, was man dir vor die Nase setzen kann.

MP: Mit welcher Musik hast du eigentlich angefangen?

JL: Mit Queen! Ich bin damals über den Schulhof gelaufen und habe allen gesagt "das ist der Mega-Act der Zukunft". Und ich war ein ganz extremer Glam-Rock Fan, so Slade, Sweet, T-Rex... Ich bin ja auch mit Federboa herumgelaufen und hatte die ersten Schlaghosen. Und natürlich Alice Cooper - da kam die Horrorader das erste Mal durch. Dann die Sex Pistols. Danach gab es bei mir eine gewisse Orientierungslosigkeit. Es gab zwar Bands wie die Sisters of Mercy, aber sonst waren die 80er aus meiner Sicht eine tote Zeit. Es waren Ansätze da wie Die Krupps, DAF oder die Fehlfarben, aber das ging ganz schnell flöten zugunsten dieser Spasskultur. Die Sachen, nach denen ich eigentlich gelechzt habe, ohne sie zu kennen, war Judas Priest und so. Auf die bin ich erst gestossen, als ich begonnen habe, mich von diesem ganzen Akademiekreis zu distanzieren. Da erst kam der Heavy Metal. - Wobei ich vieles vom Metal nicht mag, weil es eindimensional ist. Metal ist im Grunde genommen reaktionär und eine Macho-Geschichte.

MP: Aber Marilyn Manson ist doch nun gar nicht Metal...

JL: Er ist nicht der Bowie der Spät-90er, das war nur der Ausrutscher, den viele nicht verziehen haben. Er ist auch mit Sicherheit ein Reznor-Produkt, das ist keine Frage. Nein, er ist - wenn er es nicht versaut - eine richtige Antwort. Ich habe mich ja schwer mit Industrial, mit Ministry beschäftigt. Industrial war ja die gehobene Antwort auf Metal und hat eigentlich dessen Härte und die Wucht aufgegriffen, was mir mittlerweile persönlich auch wesentlich besser gefällt.

MP: Braucht man als Künstler ein gutes Mass an Selbstbewusstsein?

JL: Nein, ein gerütteltes Mass an Selbstkritik. Jeder leidet, aber mich spornt das im Endeffekt an. Ich will dann auch über diese Hürde drüber um es mir zu beweisen. Und knallharte Selbstdisziplin, das macht den Künstler aus! Visionen gibt es wie Sand am Meer, millionenfach. Das Problem ist, sie umzusetzen.

MP: Wie motivierst du dich denn, wenn du an einen Punkt kommst, wo du einfach nur noch deine Pinsel zersägen willst? Hast du solche Momente?

JL: Ja, klar! Die habe ich oft. Ich sehe dann keine Bilder mehr. Ich habe kein Ziel mehr. Normalerweise sehe ich das Ziel und dahinzukommen, das ist dann die Selbstdisziplin. Weisst du, im Kopf kann man schnell Welten bauen, und wieder einreissen. Das kannst du den ganzen Tag machen. Aber auch nur eines dieser Bilder in unsereWelt rüberzuholen, ist einfach Knochenarbeit. Bei mir sind die Sachen dermassen plastisch, dass sie sich selbst auf die Welt bringen wollen, durch mich. Ich komme dann halt zum Handkuss und muss es machen. Ich weiss, es klingt banal und Scheisse, aber genau deshalb muss man den Mensch und sein Werk strengstens trennen. Die haben meistens wenig miteinander zu tun.

MP: Ich habe schon verstanden: du gehst jetzt also nicht mordend durch die Wiener Innenstadt...

JL: Nein, weil das ist auch gar nicht nötig. Wenn man das jetzt vom therapeutischen Standpunkt her betrachtet, habe ich eine ununterbrochene Gesprächstherapie mit mir selber. Und wenn ich an diese Mauer komme, wo ich keine Bilder mehr sehe, dann trinke ich. Weil ich sonst nichts mehr mit mir anfangen kann. Die Wirkungsweise von Alkohol habe ich sehr gut unter Kontrolle. Ich weiss genau, was nach drei Bieren mit mir passiert, ich weiss genau, was nach fünf Bieren mit mir passiert...

MP: Wie wichtig ist für dich Kontrolle, auch über deine Arbeit?

JL: Sehr wichtig. Früher habe ich auch oft Sachen gemacht, weil ich das Geld brauchte. Ich habe sie nicht abgelehnt und es war jedesmal ein Chaos. Selbst das reduzieren auf die rein handwerklichen Fähigkeiten war schlimm. Eigentlich ist es das Übelste, was einem zustossen kann. Wenn man es sich leisten kann, muss man sowas ablehnen.

MP: Wie kannst du abschalten?

JL: Gar nicht. Nur wenn ich betrunken bin, kann ich abschalten. Man gewöhnt sich dran. Es ist wie ein Computerprogramm: es gibt eben zwei, drei Programme, die gleichzeitig laufen.

MP: Was stört dich momentan an unserer Gesellschaft?

JL: Was mich im Moment stört ist dieser neue Biedermeier. Dieses Wohnung haben müssen, Handy haben müssen, Aktien haben müssen, Nikes haben müssen. Es ist traurig, es ist keine Zeit für Revolutionen. Aber je massiver dieser Neo-Biedermeier wird, desto mehr Publikum bekomme ich. Ich bin für viele sicher eine Art Fluchtpunkt, die sehen eine Antwort in mir.

MP: Könntest du denn damit umgehen, dass du immer stärker angefeindet wirst?

JL: Ja, weil das ist ein Punkt mit dem du rechnen musst. Es ist schon vorgekommen und verletzt mich natürlich. Aber es hat keinen Sinn zu jammern, weil man provoziert es ja auch. Und Provokation ist bei mir quasi systemimmanent. Sie ist nicht wirklich beabsichtigt, sie besteht einfach.

MP: Findest du, du bist eine angenehme Gesellschaft?

JL: Wenn man mich nicht nervt, bin ich sicher sehr angenehm. Ich würde mir nur nicht selbst den Sanktus geben. Ich habe viele Schattenseiten, sicherlich eine ganze Latte. Nur stecke ich in dieser Hinsicht in einem ganz schweren Dilemma: wenn ich anfange an mir herumzukorrigieren, korrigiere ich am Gesamtsystem herum. Und die Psychotherapie ist das Ende der Kunst. Man muss doch dem Menschen auch seine Unvollkommenheiten, Fehler und Ängste lassen. Die Psychotherapie hat ja nur ein Ziel: den Menschen in der Norm funktionieren zu lassen. Es gibt bei mir nichts zu heilen! Ein Künstler, der sich therapieren lässt, ist leer, ist fertig. Der zieht sich selbst den Stecker. Weil die Energie, die schöpferische Kraft genau aus diesen Divergenzen kommt - auch in mir. Wenn du die therapierst und neutralisierst, ist es vorbei. Das würde ich nie machen...

MP: Ich auch nicht! Danke für das Gespräch.

*) Für die internationalen Leser, die keine Währungsexperten sind: 100 ATS = 7,30 Euro bzw. 100 $ = ca. 1.400 ATS

© MEGALOMANIAC PRODUCTIONS 2000 | 03

Die sonderbare Welt des Joachim Luetke findet ihr auf seiner offiziellen Homepage: http://www.luetke.com
Infos zum Book of Days findet ihr hier: http://www.luetke.com/intro/luetke_com.html
Das Buch "Posthuman" kann man - ausser dem normalen Buchhandel - im Web bei http://www.amazon.de und http://www.luetke.com/artshop/index.html bestellen.