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FR: "Butterfly FX" ist für mich ein sehr vollständiges Album - nicht nur, weil es die Gegenwart von Moonspell auf eine sehr vordergründige Weise darstellt. Auch noch, weil wir eine Menge von dem, was wir bei den Alben "Irreligious" und "Sin" gelernt haben, verarbeiten konnten. MP: Was bedeuten dir diese berüchtigten Barrieren zwischen den einzelnen Musikstilen, wie Metal und Gothic? Kümmert dich sowas überhaupt? FR: Nun, diese Barrieren existieren immer noch und zwar wegen dieser ganzen Unterteilerei der Musik. Natürlich mögen sie den Leuten helfen, wenn sie über die verschiedenen Musikrichtungen reden wollen, aber auf der anderen Seite schränkt es sie auch ein. Generell glaube ich, dass es abgesehen von Musik und Definitionen um Gefühle geht, die durch verschiedenste Stilrichtungen ausgedrückt werden können. Und ich beziehe mich in meiner Arbeit natürlich immer auf die globale Welt der Gefühle und nicht auf eine Formel, wie man Metal oder Gothic oder Pop macht. Ich finde es manchmal richtig lohnend, wenn ich Dunkelheit - oder dunkle Gefühle - bei so unterschiedlichen Platten wie von Morbid Angel, Gavin Friday, Moonspell oder Laibach finde. Für mich als Zuhörer ist es etwas positives, wenn ich verschiedene Gefühle in Musik ausgedrückt finde, die noch nicht katalogisiert ist. Und aus diesem Grund haben die Leute aus der Gothecke angefangen Metal zu hören: weil die Gefühle, die sie gesucht haben, dort waren. MP: Ihr habt also recht gemischtes Publikum? FB: Ja, und zwar nicht nur die Krähen und Kuttenträger. Es reicht vom Chemielehrer bis zum Kaffeehauskellner. Was für uns ein tolles Kompliment ist, weil es uns beweist, was wir für verschiedene Leute erreichen. Und dass unsere Gefühle verstanden werden, dass wir nicht vernünftig, sauber und vermarktet sein müssen. MP: Was mir immer sehr gut bei Moonspell gefallen hat war, dass ihr euch getraut habt, von Album zu Album eine andere Art von Musik zu machen. Dieses Mal ist es sehr "industrial" geworden. Wie sehr haben dich Manson, Reznor, KMFDM, etc beeinflusst? FB: Wir hören eigentlich querbeet Musik und ich habe eine Plattensammlung, die von Sting zu Deicide reicht. Aber wenn wir über Marilyn Manson sprechen - nun, um ehrlich zu sein, ziehe ich die Musik dem Menschen vor. Er schreibt tolle Lieder und ich habe alles von ihm seit "Portait Of An American Family". Aber ich denke, dass Manson und eine Menge anderer Bands schon so exponiert sind, dass sie für Sachen gelobt werden, die sie gar nicht gemacht haben. Monnspell beziehen sich viel mehr auf Bands wie Tool und die Nine Inch Nails, als auf Marilyn Manson. Die sind für mich einfach schon eine Band der zweiten Generation. Als ich "The Downward Spiral" gehört habe, hat es mein Leben verändert - als ich "Portrait Of An American Family" gehört habe, dachte ich nur 'gutes Album' ... Aber es hat nicht mein Leben verändert. Nun, Sachen, die dein Leben verändern sind meist auch Sachen, die deine Musik beeinflussen. Der Industrial-Teil in unserer Musik kommt also direkt vom Einfluss den Tool und die Nine Inch Nails gehabt haben. Und das kann man bei einigen Songs auf dem Album tatsächlich gut heraushören. Dieses Album ist von den Texten und vom Konzept her eine Mischung aus einer Art apokalyptischen Schwingung und Existentialismus. Und da sind die Industrial-Teile quasi die Kirsche auf dem Eisbecher. Sie haben uns geholfen, einen apokalyptischeren Sound zu machen... "Sin" wurde 1997 gemacht und war viel keyboard-orientierter. Das Rückrat der Songs auf "Butterfly FX" sind Gitarren. Es ist meiner Meinung nach viel rockiger, weil es '98/'99 gemacht wurde - selbst wenn viele Leute diesen Sound hassen. MP: Hat euch London, wo ihr diesmal das Album aufgenommen habt, anders arbeiten lassen? FR: Es war tatsächlich das erste Mal, dass wir in London aufgenommen haben. Nun, unsere Mini-EP "under The Moonspell" wurde noch in Portugal aufgenommen, aber seit wir bei Century Media sind, wurden alle unsere Alben mit Waldemar Sorychta in den Woodhouse Studios in Deutschland aufgenommen. Ich finde, Waldemar ist ein prima Typ und ein toller Producer, aber wir hatten das Gefühl, dass er uns für "Butterfly FX" nichts neues zu bieten hat. Er ist viel kreativer als technisch veranlagt und wird vielleicht ein wenig durch all' diese Century Media Bands ausgebeutet, die er produziert. Wir wollten also heraus aus dieser Routine - und das allein war eigentlich schon ein neuer Einfluss. Wir haben eine Menge Produzenten gefragt und sind dann schliesslich bei Andy Reilly gelandet. Und wir wollten in einer bedrückenden Art von Stadt aufnehmen. Einer Stadt, die so schnell ist, dass sie fast schon unmenschlich wird. Also wollten wir nach London. MP: Du bist jemand, der besondere Sorgfalt in seine Texte legt... FR: Ja, ich glaube wirklich, dass die Texte sehr wesentlich sind, wenn man die Musik von Moonspell hört. Wenn ich über die Texte spreche, gebe ich den Leuten gerne Anhaltspunkte. Ich beeinflusse sie aber nicht zu sehr, damit noch Platz für ihre eigene Phantasie bleibt. Ihnen die Interpretation abzunehmen, mag ich nicht! Trotzdem hier die Songtitel von "Butterfly FX" im Schnelldurchlauf: soulsick Nun, das ist eine Art mentaler Einschnitt. Ich bin sehr von der Beatnik-Kultur beeinflusst worden, von Leuten wie Ginsberg und Borroughs. Soulsick passierte in einer schlaflosen Nacht - Pedro hat die Musik übrigens auch in einer schlaflosen Nacht geschrieben - voller Bilder, die mich zu der Zeit beeinflusst haben. Damals habe ich ein Theaterstück der Woster Group aus New York von Eugene O'Neil gesehen, und es war die beste Aufführung, die ich jemals gesehen habe! Es geht also hauptsächlich um Ausflüsse der Seele in einer schlaflosen Nacht und wurde in zehn Stunden aufgenommen. butterfly fx Der Titelsong, ja. Wir versuchen immer eine konzeptionelle und visuelle Komponente in unserer Musik zu haben... Hier geht es um die feine Linie, die Zusammenarbeit und Wettbewerb zwischen Leuten trennt. Und es handelt davon, dass es wichtig ist, dass das Unbedeutende keine Existenz erwarten darf, oder dass es zu etwas Grösserem heranwächst. can't bee Dies ist, was ich ohne jede Arroganz, einen typischen Moonspell-Song nennen würde. Es geht um eine sehr tödliche Mischung aus Liebe und Tod. Klingt zwar nach richtigem Leid, handelt aber eigentlich von etwas Unmöglichem. Ich habe immer grosse Zweifel, wenn es um Beziehungen geht - egal ob es sich um Liebe, Hass oder Freundschaft handelt. Was magst du wirklich? Die Person, oder das Bild, welches du dir von dieser Person gemacht hast? Für mich sind das zwei völlig verschiedene Dinge: eines ist die Realität und das andere deine Interpretation davon. Vor einigen Tagen war ich online um einige unserer Foren abzuchecken. Und auf einer mailinglist (The Alma Mater mailing list) habe ich eine, nun, fast schon Autopsie, dieses Textes gefunden. Ich war total geschockt, weil es wirklich meilenweit von der Wahrheit weg war. Manchmal denke ich, die Leute verstehen absolut nicht, was ich sagen will! lustmord Hm, das ist jetzt kein Titel, um mehr Platten zu verkaufen. Ich habe immer 'true crime' Literatur gemocht und es gab eine Zeit, da habe ich mich sehr mit Serienkillern und ihren Motiven beschäftigt. Ich habe sie von der psychologischen Warte her studiert. Und ich wollte immer schon einen Serienkillersong mit Moonspell machen - und das ist genau, was ich mit "lustmord" gemacht habe. Es geht da um den deutschen Serienkiller Peter Kürten, der sich haupsächlich in Düsseldorf herumgetrieben hat - gar nicht so weit weg, von wo du lebst (kichert hämisch). Ich war schon einige Male in dem Garten, wo er gewütet hat und es war immer komisch, diese Gefühle wieder hochzulassen. Also habe ich diese Gefühle, was in so einem Gehirn vorgeht, niedergeschrieben. Ich finde, dieser Kürten war echt scheusslich. Nicht nur, dass er meist junge Frauen massakriert hat. Nein, als 'Hobby' hat er auch noch Schwäne geschlachtet. Ich dachte mir also, dass ist schräg genug, um meine Aufmerksamkeit zu verdienen... selfabuse Oh, das ist das grösste Missverständnis der Platte. Es geht überhaupt nicht um Selbstverstümmelung oder Selbstzerstörung oder sowas. Ich meine, ich will das Thema nicht dramatisieren. Jeder hat doch schon Anfälle von Selbstzerstörung beim Sex oder beim Hören von Musik erlebt... das ist keine grosse Sache! Ich habe diesen Titel mehr ironisch gemeint, was wahrscheinlich mit einer Band wie Moonspell nicht so recht funktioniert. Eigentlich geht es um eine Art Wettbewerb, wer im Musik- oder Kunstbetrieb mehr Platten oder Werke verkauft, indem er auf der Bühne Kunstblut verspritzt. Manche Deathmetal Bands, oder Leute wie Marilyn Manson legen so viel Energie in dieses Image, dass ihre Musik daneben abfällt. Aber sie verkaufen trotzdem mördermässig wegen dieses Images. Die Fans schenken manchmal dem Image mehr Beachtung, als der Musik selbst... I am the eternal spectator Eigentlich ein simpler Text, der sich mit dem Hauptthema des Albums befasst: Konfusion und Gegenrealitäten. Welches ist dein Platz in der Welt? Bist du ein aufmerksamer Beobachter oder ein kreativer Geist, also ein Handelnder? Es geht um die Natur des Menschen, der sich seiner kleinen Realität nicht beugen kann. soulitary vice Ein seltsamer Song und ein peinliches Thema, aber jeder, der schon auf Tour war, weiss wovon ich spreche... (lächelt entschuldigend). Soulitary vice begann als Lied, das von Anton LaVey inspiriert wurde. In der Satanischen Bibel hat er ein Kapitel geschrieben über Masturbation als etwas, das nicht nur physisch ist, sondern etwas globales. Etwas, das so ritualisiert werden kann, dass es fast wie Sex ist, nur ohne eine zweite 'Komponente'. Also wollte ich darüber schreiben, dass Masturbation nicht nur eine Notwendigkeit ist, sondern auch etwas Höheres sein kann. Masturbation kann Kunst sein. Es kann eine intimere und unabhängigere Art von Sexualität sein. Also schrieb ich diesen Text, dass Masturbation eben keine Manipulation einer zweiten Person ist... disappear here Hier gibt es den direkten Einfluss von Brett Easton Ellis, dem Autoren von "Less Than Zero" und "American Psycho". Das ist eine Zeile aus einem seiner Bücher und meine Interpretation dazu. Ich fand auch den Klang und die Kombination dieser Wörter vermitteln eine richtig beängstigende Stimmung. Eigentlich ist es eines der sanftesten Lieder auf dem Album und wenn wir es live spielen, das mit der erdrückendsten Stimmung. adaptables Den Titel hatte ich schon seit ein paar Jahren. Ich habe immer gesagt, es geht um die Qualität, die den Menschen vom Tier unterscheidet: sich Verhältnissen anzupassen. Sei es das Wetter oder was immer. Und eigentlich das offensichtlichste Lied zu diesem Millenniumswechsel und der Fähigkeit damit umzugehen, sich dem anzupassen. Wenn du 24 Stunden am Tag du selbst sein willst, wirst du scheitern. Denn erstens weiss niemand wirklich, was sein Selbst eigentlich ist und dann kann man gar nicht kommunizieren, wenn man sich nicht den anderen anpasst. angelizer Ich habe eine Dream machine. Das ist eine Art Elektrolampe, die in der selben Gechwindigkeit, wie deine Gehirnströme blinkt und die quasi die wachen Ströme gegen die guten Ströme austauscht, bei denen du träumen kannst. Aber du träumst im Wachzustand. Das Wunderbare an dieser Dream machine ist, dass du bei Bewusstsein bist und dich an alle Erfahrungen erinnern kannst, die du damit gemacht hast. Als wir unser Album in unserer Garage in Portugal vorproduziert haben, habe ich einen Soundeffekt gesucht und dabei im Q-Base Handbuch das Wort "angelizer" gelesen. Und ich habe mir gedacht "Wow! Was für ein erstaunlicher Name." Als wir wieder diesen Effekt gesucht haben, war das Wort nicht mehr da. Entweder ich habe es falsch gelesen, oder ich hatte eine Halluzination oder was auch immer. Aber es war ein tolles Wort und es geht um einen eigenartigen Traum, den man aufschreibt - aber im wachen Zustand, wegen der Dream machine. tired Nun, Moonspell sind müde und ich bin auch müde. Nicht müde Musik zu spielen, oder müde das Privileg zu haben, uns durch Musik ausdrücken zu dürfen. Aber manchmal müde von den ganzen Interpretationen, die damit einhergehen. Als wir mit "Wolfheart" herauskamen, war es etwas Neues, das man mit nichts anderem vergleichen konnte. Mit "Irreligious" und "Sin" wurde es dann hart. Und mit "Butterfly FX" ist es weiterhin hart und manchmal geben unsere Fans und die Presse unserer Musik damit keine Chance. Es wurde irgendwie eine Art "Moonspell-Tradition". Und ich bin es einfach müde, ständig falsch verstanden oder niedergemacht zu werden. Und genau darum geht es in diesem Lied. Komischerweise fahren ausgerechnet die Leute, die weder "Sin", noch "Butterfly FX" mögen, am meisten auf diesen Song ab. k Nun, "k" ist genau das, was mir beim hören der Musik einfiel. Eigentlich sollten wir dies gar nicht auf der Platte haben. Aber andererseits sollten wir auch nicht 'Alma Mater' auf "Wolfheart" haben, weil wir dachten, es passt dort nicht hinein. Und dann wurde es einer unserer populärsten Songs... Also haben wir auch 'k' auf das Album getan. - Da es so gewalttätig und aggressiv ist, haben wir es als Dekompressionskammer geplant, als einen Ort, wo man endlich durchatmen kann. MP: Als ich mir die CD angehört habe, hatte ich den Eindruck, dass du bodenständiger geworden bist. Deine Texte handeln nicht mehr von Werwölfen und Vampiren sondern mehr von 'normalen' Gefühlen. FR: Wahrscheinlich habe ich jetzt mehr Zeit und Reife um über Gefühle nachzudenken. Aber selbst als ich über Wölfe und Vampire geschrieben habe, habe ich immer versucht über Dinge zu schreiben, die mein Leben beeinflussen. Die Erfahrungen und Erlebnisse die ich mache können gleichzeitig real und unwirklich sein. Ich meine jetzt damit nicht, dass ich schizophren bin oder Paranoia-gebeutelt. Was ich aber sagen kann ist, dass von 'Vampiria' bis zu 'can't bee' alles mit mir zu tun hat. Wenn man mit Musik anfängt, kann man ruhig epischer sein und möglichst viele Themen besetzen. Wenn ich eine Linie ziehe von 'Wolfshade' zu 'tired' dann stelle ich fest, dass einfach alles mich betrifft. Aber generell denke ich, dass meine Texte sehr transparent sind, sehr durchschaubar. MP: Was hat sich noch im Laufe der Jahre geändert? FR: Anfangs waren wir fünf einfache Jungs aus Portugal. Wir waren total verängstigt, als wir damals am Düsseldorfer Flughafen abgeholt wurden, weil wir bis dahin noch niemals geflogen sind. Wir wussten auch nicht, was uns erwartet. Und dann wurden wir einfach ins Tourleben und alles geworfen. Heute ist alles anders. Wir sind viel erfahrener geworden. Was natürlich nicht heisst, dass wir jetzt alles besser wissen - aber wenigstens wissen wir jetzt mehr als damals. Und wir wissen ganz entschieden, was wir auf unsere Alben geben... MP: Hat sich eure Einstellung nach vier Alben und endlosen Touren irgendwie geändert? Lebt ihr jetzt mehr den "Rock'n'Roll Lifestyle"? FR: Als wir mit der Musik anfingen, wussten wir nicht einmal, wie wir unsere Instrumente spielen sollten, ganz zu schweigen davon, was uns im Musikbusiness erwartet. Wir haben da so unsere Theorien... Die ersten drei, vier Jahre haben wir fast jedes Jahr ein neues Album veröffentlicht, waren wir fast ständig auf Tour. Da hatten wir keine Zeit, um diese Theorien auszuprobieren, oder sie weiter zu durchdenken. Wir waren darauf reduziert, aus dem Tourbus zu kriechen, die Show zu spielen, wieder den Tourbus zu besteigen, zum nächsten Auftrittsort zu fahren und das ganze von vorne zu beginnen. Es war eine schnelle und harte Schule. Aber seit zwei Jahren leben wir jetzt ausschliesslich von Moonspell, wir machen nichts anderes als Musik. Aber das heisst eben nicht, dass wir unser Geld jetzt für Drinks, Drogen oder Parties auf den Kopf hauen. Wir wollen Leidenschaft und Professionalität in unserer Musik haben. Wir sind eine der wenigen Bands, die immer noch täglich an den Instrumenten üben - zum grossen Entsetzen anderer Musiker auf Tour, meist morgens. Wir heben immer noch gerne einen mit einem netten Mädchen, aber das beeindruckt uns nicht genug, um daraus einen Lebensstil werden zu lassen MP: Ist das nicht geradezu widerlich erwachsen? Wo sind nur die Stars mit ihren grossen Skandalen geblieben? FR: Vielleicht schockiert heute auch kaum mehr etwas. Wenn dir buchstäblich alles jeden Nachmittag von deinen Nachbarn via TV um die Ohren geknallt wird, ist es irgendwann nicht mehr schockierend - auch wenn es sich dabei dann um einen sogenannten Rockstar handelt. Heutzutage ist es z.B. schick, schwul zu sein. Vor einigen Jahren noch bedeutete dies aber immer noch, dass du aus dem gesamten Business geworfen wirst, wenn es bekannt wird. Natürlich hilft es den Plattenverkäufen, wenn du in sexuelle Zweideutigkeiten verwickelt bist. Aber lass' es mich einmal so sagen: Ich war noch der Mann, der den Exzess leben muss um ihn zu fühlen. Und ich bin immer ehrlich genug gewesen zu sagen, dass ich eigentlich weder Musiker noch Rockstar werden wollte - es passierte eher zufällig. Also habe ich auch nicht das Gefühl, dass ich als Musiker ein bestimmtes Bild bedienen muss, indem ich Hotelzimmer zertrümmere! Wir mögen da ein wenig altmodisch klingen, aber für uns hat Musik machen auch etwas mit Verantwortung zu tun. Ausserdem schätzen wir Privatsphäre. MP: Ihr seid gerade von euer ersten US-Tour zurück. Welche Eindrücke habt ihr mitgenommen? FR: Ich denke, die Leute drüben sind viel leichter und schneller gelangweilt. Und sie wissen nicht, was sie tun sollen, weil einfach alles schon fertig fabriziert ist... Manchmal bedauere ich es ja in Portugal zu leben, weil es schon in Vielem langsam ist. Aber glaube mir, ich freue mich jetzt genauso über diese Langsamkeit, weil vielleicht diese ganzen Zivilisationsauswüchse gar nicht erst nach Portugal kommen. Drüben ist alles riesig - aber es ist auch das leerste Land, das ich je gesehen habe. Ausserdem wurde uns immer prophezeiht, dass wir sicher nur vor zehn, zwölf Leuten spielen werden. Aber karrieremässig war es eine sehr gute Erfahrung. Das Publikum war offen und stand nicht nur auf solche Sachen wie "Wolfheart" und "Irreligious", die Richtung eben, die dort jetzt schwer angesagt ist. Sie mögen eine breitere Palette und mögen uns auch für die anderen Alben. Und die wenigsten Leute bei einem Auftritt waren 120... Wir hatten sogar einige ausverkaufte Shows! Trotzdem sind wir in Amerika ganz klar eine Undergroundband. MP: Na, dann war es ja ein kluger Schachzug, mit einer neuen Website an den Sart zu gehen. Das ist ja immer noch die beste Art von Promo für Undergroundbands... FR: Tatsächlich waren wir die zweite Band in ganz Protugal, die seit Mitte der 90er eine eigene Homepage hat. Es war Anfang 1995, dass unser jetziger webmaster an mich herangetreten ist und uns angeboten hat eine Website für uns zu machen. Und ich habe mir gedacht: "Wir haben einen eigenen Fanclub, also warum nicht auch eine Homepage?" Und eine Menge Leute kennt uns nur durch dieses Medium - oder hat uns so kennengelernt. Das kommt uns sehr entgegen, weil wir uns immer selbst vermarktet haben. Wir haben unsere ganzen Deals selbst bekommen: wir haben unsere Plattenfirma Century Media selbst aufgetan und genauso unser Management Direct Promotion. Wenn also unsere Zeit mit Moonspell vorbei ist, wirst du uns nicht weinend auf der Strasse finden... MP: Nachdem Ares die Band *ähm* verließ, habt ihr ja einen neuen Bassisten gebraucht. Wie seid ihr denn auf Sergio gekommen? FR: In Portugal sind wir eine grosse Band, wir sind in den Charts und all' das. Als also Ares ging, haben uns ständig Leute angesprochen, dass sie mit uns spielen wollen. Und Sergio hat eigentlich überhaupt nicht in unser Konzept gepasst: er hat in einer Casinocombo gespielt, er hat Jazz gespielt, Bossa Nova, solche Sachen. Er kannte Rockmusik, aber das Härteste, was er je gehört hatte, war Led Zeppelin. Aber dann hatten wir einen Auftritt bei einem Event, ähnlich den Grammy-Awards und brauchten dringend einen Bassisten dafür. Und ein richtig berühmter Tastenmann in Portugal, der mit allen Pop- und Rockbands dort spielt, kannte Sergio. Und er hat Pedro gefragt, ob er etwas gegen einen Brasilianer hätte. Pedro hat aus Spass gesagt, natürlich, er hasst Brasilianer. Aber die beiden haben sich dann getroffen und dann hat er mit uns gespielt. Aber alles passierte irgendwie selbstverständlich und nicht gezwungenermassen. Und das ist der Grund, warum Sergio bei uns blieb: er hat sich nicht hereingedrängt, er wurde zu nichts gezwungen und er ist ein ausgezeichneter Musiker. Er hat eine völlig neue Art von Groove in die Band gebracht. MP: Wie wichtig ist es für dich, auch noch anderes, als Musik zu machen? FR: Sehr wichtig! Einige Freunde haben eine unabhängige Theatergruppe, meist eine höfliche Umschreibung dafür, dass absolut gar kein Geld da ist. Und für die habe ich drei Geschichten eines spanischen Comiczeichners für die Bühne adaptiert. Es war eine totale low-budget Geschichte und wir haben die drei Performances "Kostümkomödien" genannt, weil sie vom täglichen Scheiss handelten. Ausser dem Script habe ich auch noch den Sound gemacht, das Licht und den Platzanweiser gespielt. Es hat richtig Spass gemacht. Ich kenne eine Menge Leute aus der Kunstszene, besonders aus Film und Literatur, meiner grössten Inspiration. Und es ist alles wichtig und interessant, weil - glaube mir - Musiker sind manchmal wirklich langweilig... MP: Was sind deine nächsten Zukunftspläne? FR: Leider hat es nicht mit einer Release-Party zu "Butterfly FX" hier in Portugal geklappt. Aber ich will diese Dinge hier wieder ein wenig ans Laufen bekommen, weil sie doch eingefroren sind. Im Januar starten wir unsere Headliner-Tour durch Europa mit Kreator, Witchery und wahrscheinlich Catatonia. Im März wollen wir wieder in die USA und generell werden wir dieses Jahr viel touren. Und ich will endlich meinen Roman fertigschreiben. Ausserdem werde ich anfangen ständig Beiträge für die Untergrund-Literaturzeitschrift eines Freundes, hier in Portugal, namens "The Bible", zu schreiben. Das reicht erst 'mal... MP: Fernando, danke für das ausführliche Gespräch..
© MEGALOMANIAC PRODUCTIONS 1999
Die offizielle Homepage von Moonspell findet ihr hier: http://www.butterfly-fx.com Die aktuellen Tourdaten von Moonspell könnt ihr auf der Site ihrer Plattenfirma checken: http://www.centurymedia.com Älteres Material zu Moonspell findet ihr ausserdem in unserem glorreichen Archiv! |