luetke
intro

Sie sind einen verdammt langen Weg gegangen, seitdem sich - vor nun gut 12 Jahren - fünf unerschrockene Musiker dazu entschlossen haben, dem Publikum ihre düstere Sicht der Welt um die Ohren zu knallen. Unbeirrbar von momentanen Musikströmungen blieben PARADISE LOST immer sich selber und ihrem Musikverständnis treu. - Selbst auf die Gefahr hin, so ziemlich alle alten Fans zu verprellen. Auch bei ihrem achten Studioalbum "Believe In Nothing" ist somit möglicher Ärger vorprogrammiert:

Megalomaniac Productions: Wie ist der Titel eures neuen Albums "Believe In Nothing" zu verstehen?

Greg: Seit zwölf Jahren gibt es die Band und uns wird nachgesagt, dass wir ständig am Jammern sind - also ist für uns ist dieser Titel einfach witzig. Die Idee hatten wir schon länger im Kopf, weil wir ironische Zyniker sind.

MP: Was sagen uns die Bienen auf dem Cover?

Lee: Gar nichts, uns gefallen die Bienen, das ist alles. Die Leute glauben, dass versteckte Botschaften in unseren Covers stecken. Wie bei jedem Album wollten wir auch diesmal ein auffallendes Bild und eines, dass sich von den vorigen vollkommen unterscheidet.

MP: Auf "Host" war nicht nur das Cover und die Musik völlig ungewohnt, auch euer Image änderte sich total.

Greg: Uns wird langweilig, wenn wir immer dasselbe machen, ich stehe heute noch voll dahinter. Das Einzige, was mich störte war, dass viele glaubten, wir würden in eine andere Richtung gehen, dabei haben wir nur was Neues ausprobiert. Wenn jedes Album gleich klingt, wäre das für uns wie eintönige Fabriksarbeit, nur Happy Music würden wir nie schreiben.


lineup

MP: Habt ihr von euren alten Fans eine Ablehnung des elektronischen Sounds erwartet?

Lee: Das war vorherzusehen, denn nicht jeder kann nachvollziehen, worum es uns geht. Bei jedem neuen Release verlierst du Fans und neue kommen dazu. Darüber machen wir uns aber keine Gedanken, denn primär wollen wir mit unserer Weiterentwickelung zufrieden sein.
Greg: Schon vor der Veröffentlichung von "Host" wußten wir genau, welche Kritik auf uns zukommt. Wir haben einigen Leuten zuviel Glauben geschenkt, weil wir dachten, sie würden uns irgendwie verstehen, aber viele haben die dahinter liegende Grundidee nicht kapiert. Fragen wie: "Warum sind keine Gitarren zu hören?" kamen auf... Klar spielte ich Gitarre, aber muss sie denn immer verzerrt werden, um mächtig und kraftvoll zu klingen? Ich probierte einfach viele neue Effekte aus, und es entstand ein atmosphärisches Album. Wenn Leute die neue Platte hören, dann merken sie vielleicht den Sinn an sich. Ich kann mich noch an die Zeit erinnern, als "Gothic" herauskam und niemand es mochte. Damals fielen Worte wie "Ausverkauf" - doch ein, zwei Jahre später waren wir dann damit in den Charts. Es wird eine Weile dauern, bis "Host" richtig ankommt."

MP: Ihr seid Mitbegründer des Gothic Metal. Wie seht ihr heute die Szene?

Lee: Das wird das nächste Revival und den New Metal verdrängen.
Greg: Wir habe uns nie einer bestimmten Szene zugehörig gefühlt und zogen immer unser eigenes Ding durch, aber man wird halt kategorisiert...

MP: "Believe In Nothing" ist euer achtes Album. Bei welchen hattet ihr die grössten musikalischen Veränderungen?

Greg: Meiner Meinung nach waren das "Draconian Times" und "One Second". "Icon" Und "Times" klangen ähnlich, daher war es Zeit für einen Umbruch und auf "One Second", wo wir mit ganz neuen Sounds experimentierten, gab es schon Andeutungen in Richtung "Host". Uns gefiel der dynamische Live-Sound der letzten Tour und genau dort wollten wir mit der aktuellen Platte ansetzen.

MP: Hast du die neuen Songs am Computer oder auf der Gitarre geschrieben?

Greg: Ich komponiere mit beidem, wie bei "Host". Manche Songideen beginnen mit einem Riff, einer Basslinie oder am Piano - es ist unterschiedlich. "Mouth" zum Beispiel entstand aus einem einzigen Riff und war ursprünglich nur als Bonustrack gedacht. Nach Beendigung der Aufnahmen kam der Mix, mit dem wir aber überhaupt nicht zufrieden waren, also schickten wir das Ding zurück und ließen es noch mal mixen. In der Zwischenzeit schrieben wir weitere vier Lieder, die zwei ursprünglich geplante ersetzten und eines davon wurde zur Single.

MP: Welche Erwartungen hattet ihr an Produzent John Fryer?

Lee: Wir wollten schon "Host" mit ihm machen, nur gingen unsere Vorstellungen damals noch etwas auseinander. Diesmal sollte die Platte voll live, wie im Proberaum, klingen und er hat das perfekt hingekriegt. Der einzige Grund, warum wir uns nach so langer Zeit nicht selbst produzieren ist der, dass wir uns untereinander nicht einigen können. Für uns ist ein Produzent ein Extra-Ohr, ein Mediator.

MP: Greg, du schreibst alle Songs im Alleingang, wünschst du dir nicht manchmal die Unterstützung deiner Mitmusiker?

Greg: Unsere Philosophie ist folgende: (Einwurf Doris: Du bist ein Diktator) Nein, nein! Der Sound von Paradise Lost ist eine Mischung aus Nicks Melodien, meiner Musik, Aarons Gitarrenspiel, Steves Basslinien und Lees Drumming. Jeder von uns bringt seinen unverwechselbaren Stil mit ein, aber das eigentliche Songwriting war und wird immer von Nick und mir stammen, weil es so am besten funktioniert. Aaron hat mal was ausprobiert, aber es hat einfach nicht gepasst. Wir zwei streiten oft, stell dir mal fünf Typen vor, die dauernd argumentieren, da bräuchten wir zehn Jahre für ein Album.

MP: Ihr habt etliche britische Bands wie Anathema oder My Dying Bride inspiriert.

Greg: Ja, das ist die zweite Generation. Manchmal treffen wir die Typen in Pubs und sie beschweren sich, dass sie in Interviews immer nach uns gefragt werden, obwohl sie heutzutage keinerlei Ähnlichkeit mehr mit unserer Musik haben. Ich sage dann immer, das ist euer Problem, wir stellen ja nicht die Fragen. Eine richtige Musikszene gibt es in England nicht mehr, das wird von den europäischen Magazinen nur so dargestellt.

MP: Was würdet ihr tun, wenn ihr keine Musiker wärt?

Greg: Sag du's mir. Ich weiß nicht...
Lee: Was sollen wir sonst machen, wir können nichts anderes. Greg: Wir könnten aufs Arbeitsamt gehen. Aber wenn die fragen: "Was hast du die letzten zehn Jahre so gemacht?" dann käme als Antwort halt: "Ja, Musik halt, reisen, trinken." Da würden wir wohl keinen guten Job angeboten bekommen.

MP: Eure Klassiker wie etwa "As I Die" spielt ihr live ganz anders als früher, wieso?

Greg: Weil wir uns weiterentwickelt haben. Dass ältere Songs jetzt verändert klingen geschah unbewusst, das neue Soundgewand wurde einfach automatisch übernommen. Vorhersehbar zu sein ist langweilig, wir wollen unser Publikum immer wieder aufs neue überraschen, obwohl es sicher nicht leicht ist, ein Fan von uns zu sein.

MP: Werden wir jemals wieder Stücke wie "Eternal" live hören?

Lee: Wir haben diese Nummer wieder den alten Fans zu liebe probiert, aber sie kam nicht gut rüber. Die Leute fordern manchmal "Eternal" und dann hast du genau einen Typen dort stehen der klatscht. Es ist schwierig, für eine Tour die richtige Songauswahl zu treffen, besonders aus unserem Altbestand, da vieles nicht mehr zum momentanen Stil passt.

MP: Ausser einem einzigen Wechsel am Schlagzeug (für Matt Archer kam 1994 Lee Morris von MARSHALL LAW) habt ihr seit der Bandgründung ein stabiles Line-Up.

Greg: Letztens waren wir bei MTV in London (Anm.: Archer macht MTV Select) und sahen Matt durch die Glasscheibe beim Arbeiten. Natürlich mussten wir probieren ihn zu stören, was ihn ganz nervös machte und Nick und ich lachten uns halb tot.

MP: Zu welchem Film wäre eure Musik der passende Soundtrack?

Greg: Das ist schwer. Irgendein finsterer, trauriger Film wie "Jude" nach Thomas Hardy mit Christopher Eccleston und Kate Winslet - einer der erbarmungswürdigsten Filme aller Zeiten oder vielleicht "Angela's Ashes". Düstere, wehklagende, nordenglische Geschichten eben.

MP: Eure Musik hat sich sehr gewandelt, haben sich Nicks Texte auch mitverändert?

Greg: Nicht wirklich, Nick mault immer noch über alles. Die Inhalte sind die gleichen geblieben: alltägliche Dinge, die passieren. Nur was er früher phantastischer ausdrückte, kommt jetzt viel Wirklichkeitsbezogener. Seine Geschichten haben ein ungefähres Thema, aber er schreibt immer noch eher bedeutungsvolle Zeilen statt einer zusammenhängenden Story.

MP: Wie ergänzt ihr euch beim Schreiben?

Greg: Nun, manchmal gebe ich ihm eine ungefähre Strophe mit Chorus, er denkt sich dann eine Melodie dazu aus und gibt sie mir zurück. Ich bringe den Song dann zu Ende, er kriegt ihn wieder und schreibt die passenden Lyrics...

MP: Stimmlich ist Nick wieder total auf der Höhe.

Greg: Er ist jetzt viel selbstbewusster, was seine Fähigkeiten als Sänger betrifft. Nick hat vom Metal-Shouter alter Tage her, schrittweise seinen eigenständigen Stil entwickelt. Genauso wie bei unserer Musik, wo im Laufe der Zeit ja auch immer mehr Harmonien entstanden. Seine Stimme trägt die Hauptmelodie, was früher noch die Gitarren machten.

MP: Welche Videos gibt es zum Album?

Lee: Wir haben wieder in Wien unter der Regie von Thomas Job Videos zu "Mouth" und "Fader" gedreht.

MP: Macht es einen Unterschied beim Major EMI zu sein - statt wie früher bei Music For Nations?

Lee: Nicht wirklich, außer dass wir jetzt mehr Gratis CDs abstauben.
Greg: Ein Label ist für uns da, um unsere Platten in die Shops zu stellen. Sie mischen sich überhaupt nicht in die Musik ein. Für jedes Label, egal ob Independent oder Major musst du eine gewisse Anzahl verkaufen, sonst wirst du wieder fallen gelassen.

MP: Was war bis jetzt euer meist verkauftes Album?

Greg: Wahrscheinlich "Draconian Times".

MP: Wie ist es mit den SISTERS OF MERCY auf Tour?

Greg: Es macht Spaß und ist OK. Andrew Eldritch ist wie einer von uns: sitzt den ganzen Tag herum, trinkt Kaffee und schaut gelangweilt. Das, was wir auch machen.

MP: Kommt das Publikum nur wegen des Headliners oder auch wegen euch?

Lee: Ich glaube, das teilt sich auf. Die erste Show in Hamburg, wo wir ursprünglich noch nicht auf dem Billing standen, lief bestens und die Ticketverkäufe stiegen danach etwas an. Die Fans der Sisters verstehen unsere Musik und wir kommen jeden Abend recht gut an.

MP: Heute ist der letzte Tag dieses Tourabschnitts. Werdet ihr euch gegenseitig Streiche spielen?

Greg: Nein, denn gleich nach der Show fliege ich nach Griechenland.
Lee: Meistens heckt ja die Roadcrew so was aus... Wer weiss? Vielleicht fällt heute die Lichttraverse auf uns runter!

MP: Mit welchen Bands würdet ihr nicht auf Tour gehen?

Lee: Wir touren nur mit Gruppen, die musikalisch zu uns passen, sonst macht das ja fürs Publikum keinen Sinn. Iron Maiden zu supporten wäre heutzutage undenkbar, deren Fans würden uns überhaupt nicht verstehen.

MP: Wer wäre momentan euer liebster Tourpartner?

Greg: Ganz klar Britney Spears. Da würde ich auf eine gemeinsame Garderobe bestehen.
Lee: So lange sie nicht drauf besteht, auch die Bands zu teilen. (Einwurf Jutta: Wie wär's mit Christina Aguilera?)
Greg: Die ist nicht hübsch genug...
Lee: Doch, machen wir: zuerst Britney, dann Christina, yeah!
Greg: Und dann N'Sync und die Backstreet Boys, schließlich wir sind ja auch eine Boy- Band.

MP: Dem ist nichts mehr hinzuzufügen...

© MEGALOMANIAC PRODUCTIONS 2001 | 05

Die offizielle Bandsite findet ihr hier: http://www.paradiselost.co.uk
Wer Paradise Lost im März versäumt hat, bekommt im Mai und Juni noch einmal die Chance, da touren sie wieder durch Europa. Alle Termine findet ihr unter http://www.paradiselost.co.uk/tour.htm


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