luetke
intro

Megalomaniac Productions: Wie hat das mit eurer Band denn so angefangen?

Sami Lopakka: Oh, da kann ich mich recht kurz fassen. Die Band wurde vor fast genau zehn Jahren gegründet und seitdem sind wir einen weiten Weg gegangen... Wir haben als Death Metal Band angefangen und wurden auch viel vom Death Metal der Zeit beeinflusst. Unser erstes Album "Shadows Of The Past" ist recht typisch für eine Band, die Anfang der 90er ein Metalalbum aufnimmt. Aber danach haben wir nach etwas anderem gesucht und unser nächstes Album "North From Here" (1993) war auch schon ziemlich anders. Es war sehr technisch, was das Gitarrenspiel angeht. Es war dieses "Voller Hass in deine Fresse"-Ding, es war purer Zorn. Dann haben wir zwei Jahre gebraucht um "Amok" (1995) zu machen und ich denke, mit diesem Album haben wir den Grundstein für unsere Zukunft gelegt. In gewisser Weise machen wir immer noch denselben Musikstil wie auf "Amok". Nach der Aufnahme von "Amok" gab es einen Wechsel in der Band. Der vorherige Sänger ging und Ville kam. "Down" (1996) war die erste Arbeit mit ihm und natürlich brachte er einen neuen Einfluss in die Band, eine neue Stimme. Wir sind aber immer noch dem Weg gefolgt, den wir mit "Amok" gewählt hatten. Dann, mit "Frozen" (1998) habe wir diese Richtung noch vertieft. Und jetzt sind wir mit "Crimson" am Start und gehen musikalisch und textmässig wieder einen Schritt weiter. Trotzdem ist die Basis für unser Songwriting noch fast die gleiche wie 1995.


lineup

MP: Dieses Mal habt ihr mit Hiili zusammengearbeitet, der auch HIM produziert hat. Ist das der Grund, warum ihr ein wenig wie die klingt?

Sami: Ja? Dem stimme ich eigentlich nicht zu. Die Leute glauben, dass wenn man denselben Produzenten hat und manchmal dieselben Lösungen wie eine andere Band verwendet, das automatisch bedeutet, dass man wie diese andere Band ist. Aber ich glaube, wir haben musikalisch nicht viel Ähnlichkeit mit HIM. Vielleicht in einigen Dingen, wie Songstrukturen - aber wenn wir anfangen, das zu vergleichen, dann haben wir Ähnlichkeit mit Millionen anderer Bands.

MP: Woher nimmst du die Einflüsse für dein Songwriting?

Sami: Das ist immer eine sehr persönliche Sache. Wir hören uns so viel Zeug an, dass es unmöglich ist, da etwas bestimmtes anzugeben. Unsere Wurzeln liegen jetzt im Melodic Metal. Aber sogar ich weiss nicht genau, woher unsere Einflüsse kommen. Alles was wir hören, bewirkt etwas in uns. Momentan höre ich mir viel die neue Scheibe von Type O Negative an, ausserdem "Judgement" von Anathema und dann noch dieses Live-Album der Fields Of The Nephilim.

MP: Kannst du mir einige Worte zu den einzelnen Songs sagen?

Sami: 'Bleed In My Arms' Das hat Ville geschrieben, ich kann dir da also nur meine Interpretation geben. Es ist eine Art Liebeslied. Es geht um Versuchung, Verrat und verlorene Liebe.

'Home In Despair' Du kannst es schon am Titel erkennen. Es ist ein Lied darüber, dass alles schief geht. Und wenn dies geschieht und zwar monatelang, dann kennst du das Gefühl schon so gut, als wärst du darin zu Hause, dass Sachen schief laufen.

'Fragile' Nun, ich glaube vom Text her ist dies das persönlichste Stück auf dem Album. Es ist mehr oder minder direkt aus der Wirklichkeit genommen. Es ist ein Lied über zwei Leute und die schlimmen Sachen die manchmal passieren. Also über das Gefühl, wenn die Dinge zwischen diesen beiden Leuten nicht zum Besten stehen.

'No More Beating As One' Wieder ein Song von Ville und wieder geht es darin um verlorene Liebe und natürlich um Tod.

'Broken' Hm. Auch dieser Song handelt von einem bestimmten Gefühl. Es geht darum, dass man von allem genug hat und eben dies 'alles' hinter sich lassen will.

'Killing Me Killing You' Darin geht es um Liebe, die langsam weniger wird und um die Konsequenzen daraus.

'Dead Moon Rising' Dieser Song lebt textlich sehr von der musikalischen Stimmung. Es ist ein sehr atmosphärischer Song mit keinem bestimmten Thema. Er drückt nur den Moment aus.

'The River' Oh, ein Lied über schlimme Verkaterung und die daran gekoppelten Empfindungen.

'One More Day' Nicht über den Morgen nach dem Kater (grinst). Es geht um den Widerspruch zwischen Liebe und Hass und was passiert, wenn sie kollidieren.

'With Bitterness And Joy' Das ist ein Lied über das Sterben - tatsächlich war der Hauptgedanke, den ich beim Schreiben des Textes hatte, Krebs. Und wie es sich wohl anfühlen würde, wenn man an Krebs draufgeht, also so einen Tod zu sterben.

'My Slowing Heart' Ja, also textlich gesehen ist das der seltsamste Song des Albums. Es geht um ein Herz, dass immer langsamer schlägt - ein wenig wie in 'Broken'. Du willst zwar leben, aber dann bist du irgendwie erleichtert, wenn dein Herz aufhört zu schlagen...

MP: Wenn ich mir so deine Interpretationen anhöre, scheinst du viel Zeit damit zu verbringen über (dunkle) Gefühle nachzudenken. Hilft es dir, wenn du deine Gedanken durch die Texte ausdrückst?

Sami: Absolut! Es ist sehr therapeutisch für mich, dass ich mich durch meine Texte oder durch unsere Musik ausdrücken kann. Ich kann also in gewisser Weise alles in den Songs herausschreien. Es lässt die schlimmen Dinge nicht verschwinden, aber es hilft ein wenig. Und aus irgendeinem Grund war es immer schon unser Ding, dieses Ausdrücken von Depressionen und der negativen Seiten des Lebens und der ganzen Welt.

MP: Als du mit der Musik angefangen hast - dachtest du da jemals daran, in einer Band zu spielen oder ein Rockstar zu sein?

Sami: Ich glaube, am Anfang war es einfach nur so, dass wir total auf Metal standen und herausfinden wollten, ob wir es selber spielen können. Wie ich dir schon früher gesagt habe, hatten wir anfangs eine Menge Einflüsse - es ging nicht darum, irgendwelche Mädels abzuschleppen. Es ging mehr darum herauszufinden, was wir selber mit der Musik machen können. Und es ist gewachsen und gewachsen und wir hätten niemals gedacht, dass wir überhaupt so weit kommen würden.

MP: Habt ihr immer noch Fans aus euren Anfangstagen oder haben sie sich im Laufe der Jahre geändert?

Sami: Bei uns passiert beides. Ich habe einige Leute getroffen, die haben sich schon unsere ersten Demobänder gekauft - was wirklich erstaunlich ist, weil wir uns seitdem ziemlich verändert haben. Sie scheinen mit uns gewachsen zu sein. Und es gibt Fans, die nach einem Album, von dem sie enttäuscht waren, aufgegeben haben. Die nennen uns jetzt 'sell-outs' und solche Sachen. Aber ich denke es steht halbe-halbe. Mit jedem Album gewinnen wir neue Leute hinzu und jedes Album hat bisher mehr verkauft, als das davor.

MP: Die Musik ist heute ein Riesengeschäft geworden. Es reicht nicht mehr, nur Künstler zu sein - man muss auch noch viele finanzielle Entscheidungen treffen. Inwieweit betrifft dich das?

Sami: Ach, diese ganzen Sachen sind das notwendige Übel, die wir machen müssen, um die Band am Leben zu halten. Es interessiert uns nicht besonders. Es ist einfach zusätzliche Arbeit, die getan werden muss. Wir wollten immer die musikalische und künstlerische Seite streng von der geschäftlichen Seite trennen. Wenn wir Songs schreiben, denken wir dabei nicht an kommerziellen Erfolg, Verkaufszahlen oder wessen Arsch wir mit einem Lied küssen müssen. Wir wollen mit unserer Musik, und was wir damit machen, ehrlich bleiben. So dass wir irgendwann in der Zukunft zurückschauen und immer noch stolz sein können.

MP: Kannst du jetzt von der Musik leben? Und verbringt ihr viel Zeit miteinander? Ihr lebt ja alle in Oulu (Finnland), nicht?

Sami: Nun, heute schon. Trotzdem haben wir alle auch noch ein Leben ausserhalb der Band, um es irgendwie gesund zu halten. Wenn die Band das einzige im Leben für uns wäre, glaube ich nicht, dass wir noch am Leben wären. Ich studiere zum Beispiel. Ville arbeitet und Sami und Vesa studieren auch. Miika macht zur Zeit nichts als die Band, hat aber auch ein eigenes Leben. Vesa studiert in Turku, das ist etwa 600 km weit weg, aber er kommt an den Wochenenden heim. Selbst wenn wir nicht proben, sehen wir uns einige Male im Monat. Wir sind auch ausserhalb der Band befreundet, es ist nicht nur eine Geschäftsbeziehung. Trotzdem ist es manchmal hart, wenn eine Tour fünf - sechs Wochen dauert, und du bist mit denselben Jungs auch noch die ganze Zeit im Bus zusammen. Denn für 24 Stunden am Tag sind es die Einzigen, die du eigentlich wirklich siehst...

MP: Tiamat haben mir einmal erzählt, dass man wegen des Wetters und dem Mangel an Tageslicht bei euch oben nur drei Möglichkeiten hat: 1) man bringt sich um, 2) man wird Alkoholiker oder 3) man fängt in einer Band an. Andere Fluchtmöglichkeiten gibt es nicht.

Sami: Nun, wir machen nicht sehr fröhliche Musik und ich glaube schon, dass die lange Winterzeit einfach alles beeinflusst, was wir dort machen. Vielleicht ist es also wirklich auch das Wetter, aber ich glaube auch, dass so eine allgemeine Melancholie durch unsere Adern strömt.

MP: Nach Argentinien ist Finnland die zweitgrösste Tango-Nation der Welt. Hat das auch etwas mit diesem Talent zur Melancholie zu tun?

Sami: Tatsächlich kann ich selbst nicht Tango tanzen, aber du hast völlig Recht, Tango ist bei uns in Finnland eine grosse Sache. Jeden Sommer gibt es dieses grosse Tango-Festival mit ganz vielen Leuten, die eine volle Woche lang nur Tango tanzen und Wodka trinken. Und natürlich ist Tango eine sehr melancholische Sache, mit diesen ganzen Moll-Tönen. Man kann sich also gut vorstellen, dass er in Finnland viel Anklang findet.

MP: Nimm' einmal an, ich bin die berühmte Märchenfee und will dir drei Wünsch erfüllen. Welche wären das? - Und komm jetzt bloss nicht mit 'Frieden für die Menschheit'!

Sami: Meinst du jetzt mich als Bandmitglied oder als Privatperson?

MP: Beides!

Sami: Also, das erste wäre die Möglichkeit zu haben uns auf eine Weise, die uns gut und richtig erscheint, auszudrücken - ohne dass uns da etwas in die Quere kommt. Erst danach kommt der Erfolg mit der Band. Und dass die Leute es mögen und wir alle, ohne weitere finanziellen Sorgen, davon leben könnten .

MP: Kannst du dir vorstellen, ein mega-erfolgreicher Rockstar zu sein, an deinem Swimmingpool sitzend, irgendwo in Kalifornien?

Sami: Nein! Das ist nichts für mich. Selbst wenn ich alles Geld der Welt hätte, würde ich immer noch in Finnland bleiben und dort wohnen, wo ich auch jetzt mein Zuhause habe.

MP: Und die Wünsche als Privatperson?

Sami: Nun, zuerst würde ich um ein friedliches Leben für mich und die, die ich liebe, bitten. Dass alles glatt abläuft und ohne grosse Probleme. Das ist also der erste Wunsch. Wenn ich sterbe, wünsche ich mir einen schmerzfreien Tod. Ich habe Menschen an Krankheiten sterben sehen, die sie von innen aufgefressen haben und ich hoffe, dass ich nicht diesen Weg gehen muss. Der dritte Wunsch wäre, dass es kein Leben nach dem Tod gibt. Ich hoffe wirklich, dass dort nichts auf mich wartet...

MP: Danke, Sami.

© MEGALOMANIAC PRODUCTIONS 2000 | 06

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