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MP: In eurem letzten Programm "Das Ende zweier Entertainer - ein Scheissabend für alle Beteiligten" habt ihr nach eigener Einschätzung mit riesigem Aufwand sehr wenig geleistet. Nun soll es umgekehrt sein. Details, bitte. Beide: In unserem letzten Programm haben wir mit wenig Aufwand Grosses geleistet, so dass wir es uns nun leisten können, moralisch und pekuniär, mit riesigem technischem Aufwand wenig zu leisten. Das Leben ist ambivalent. Unser eigentliches Ziel, irgendwann gar nicht mehr selbst auf die Bühne gehen zu müssen, rückt immer näher, durch gefinkelte Inszenierungen und sündhaft teure Zaubertricks. MP: "Stermann & Grissemann am Zenit ihrer Müdigkeit", vermeldet die Programmankündigung. Reichlich kokett, meine Herren! Oder seid ihr gewisser Begleitumstände eures Daseins wirklich müde? Beide: Wir sind so müde, dass wir wahrscheinlich auf der Bühne einschlafen werden. Auch so ein alter Traum von uns. Für diesen Fall erwarten wir von unserem Publikum, dass es sich äusserst ruhig verhält, uns zudeckt und uns einen Gute-Nacht-Kuss gibt. Schön wäre es auch, uns einfach vorsichtig aus dem Theater zu tragen, uns in ein Erdloch zu legen und mit Blättern und Ästen zuzudecken. Das wäre herrlich. Am nächsten Morgen stehen wir dann auf und erzählen einer Waldameise die Witze, die wir am Vorabend nicht erzählt haben. Die Ameise kann die Witze dann weitererzählen an die Traffikantin (dt. Übersetzung: eine Tabakwarenverkäuferin) und so erfährt das Publikum dann eh alles. MP: Ihr tretet als Kabarettduo, Live-Präsentatoren, Radio- und TV-Moderatoren, Kolumnisten, Buchautoren, Sprecher und Allround-Privatiers auf, mit wechselndem, aber schwerlich zu ignorierendem Erfolg. Welche Rolle liegt euch am meisten? Und welchen Klotz am Bein würdet ihr gerne schnellstens wieder los? Beide: Bis aufs Radio könnten wir auf alles gut verzichten. Vorausgesetzt, die Radiohonorare verfünfzehnfachen sich. MP: Es gibt - spät, aber doch - eine Homepage von Stermann und Grissemann. Seid ihr ins New Business eingestiegen? Kann man euch als Multimediale-Kabarett-Content-Start-Up bezeichnen? Soll man in S&G-Aktien investieren? Beide: Wir lieben den New-Economy-Bereich, weil wir nicht wissen, was das ist. Sobald man weiss, was etwas bedeutet, schwindet die Lust daran gemeinhin. Wir glauben allerdings, dass sich das Internet nicht durchsetzen wird. Gleiches gilt für Handys. Wir Künstler haben ein besonderes Sensorium und können deshalb wirtschaftliche und gesellschaftliche Zusammenhänge viel besser erkennen als normale Menschen. Wir glauben deshalb, dass man in spätestens 10 Jahren mit mobilen Telefonzellen ausgestattet werden wird. Denn da wird man nicht so nass, wie beim Telefonieren mit Handys. MP: Mit einem Bein - eher Spiel als Stand - seid ihr in Deutschland zugange. Eigene Show bei "Radio Eins", ausverkaufte Vorstellungen in Berlin, grosser Jubel zuletzt beim FM4-Fest in München... Ist das benachbarte Ausland für euch Abenteuerspielplatz, Humorwüste oder Fluchtburg? Beide: Das benachbarte Ausland nennen wir intern "Deutschland", ein Wort, das wir uns ausgedacht haben. Ein Land, das bekannt ist für seine Humorgeschichte, Stichwort: "deutscher Schmäh". Wir tun uns dort natürlich schwer. Der Kantinenkoch bei Radio Eins bediente uns jahrelang nicht, so dass wir fast immer verhungerten, wenn wir in Berlin waren. Inzwischen hat sich das ein bisschen geändert. Unser grösster Erfolg in "Deutschland" ist es, dass uns der Kantinenkoch vor wenigen Wochen zum ersten Mal zähneknirschend ein Stück Wurst verkauft hat. MP: Kabarett oder Nicht-Kabarett? Beide: Wir leiden an sehr vielen Krankheiten. Kabarettismus zählt Gott sei Dank nicht dazu. MP: Es geht die Mär' um, ihr wollt Österreich beim Eurovisions Song Contest 2001 vertreten. Habt ihr schon ein Anmeldeformular ausgefüllt? Beide: Wir wollen Deutschland, Österreich und die Schweiz gleichzeitig vertreten. Das sind dann schon mal 36 Punkte. Allerdings machen wir das nur unter der Bedingung, dass wir den Song Contest gleichzeitig auch bei FM4 moderieren. Moderieren, singen, moderieren, singen, moderieren, singen und dann wieder moderieren. Dann ist uns auch nicht so fad (dt. Übersetzung: langweilig). MP: Stermann & Grissemann haben viele Freunde - vornehmlich 15-jährige, pickelige FM4-Hörer - aber auch nicht gerade wenige Feinde: Vera Russwurm, Elton John, Astrid Lindgren, Ossy Kollmann und der Unaussprechliche aus Kärnten. Viel Feind, viel Ehr? Beide: Wir mögen eigentlich alle Menschen. Denn ein alter indianischer Sinnspruch sagt: Erst wenn der letzte Mann gefällt und die letzte Frau abgeholzt wird, werdet ihr sehen, dass man mit Bäumen nicht schmusen kann. MP: Leidiges Thema, aber unvermeidlich: eure unbedachte Wortspende zu Jörg Haider hat euch einiges gekostet - Zeit, Geld, Nerven, wahrscheinlich auch die Chance auf eine staatliche Künstler-Ehrenpension in Österreich. Wie seht ihr die Angelegenheit aus heutiger Perspektive? Beide: Wir wissen, dass unsere Äusserungen dieses Land in die grösste Staatskrise seit 1649 gebracht haben. Das wollten wir natürlich nicht. Der grösste Skandal seit dem Ausbruch der Eiszeit. In jedem anderen Land wären wir dafür gevierteilt worden. Rübe ab, Zähne ziehen, Haare ausreissen plus Geldstrafe. Wir sind froh, dass wir jetzt wieder freie Menschen sind, nachdem die Staatsanwaltschaft das Verfahren eingestellt hat. Froh und dankbar. Man sieht inzwischen, mit zunehmendem Alter, auch die Politik der betreffenden Partei anders. Man wird ängstlicher. Österreichischer. Und glaube uns, diese Ausländer in Wien, das ist uns auch zuviel. All die Etrusker in den Parks, die herumlungernden Phönizier, die bettelnden Karthager und Westgoten. Nein. Da sagen wir auch: Wien den Wienern, Cowboys und Indianer raus aus diesem Land!
2000 | 11
Mehr Perlen zu unseren beiden Lieblingen findet ihr auf der offiziellen Homepage: http://www.stermann-grissemann.com wo unter dem folgenden Link auch ihre nächsten Tourneetermine zu finden sind: http://www.stermann-grissemann.com/index1.php |