luetke

Nosferatu lernt tanzen

Anfang der 90er waren sie eines der Aushängeschilder der schwedischen Metal Szene. Doch seitdem sind viele Moltebeeren den Hang 'runtergekullert: die langen Mähnen sind ab und Tiamat-Chefdenker Johan Edlund ist - wie guter Käse - gereift, ohne zu stinken.


Megalomaniac Productions: Wie würdest du jemandem gegenüber, der Tiamat nicht kennt, eure Musik beschreiben?

Johan Edlund: Wenn ich wirklich jemanden treffen würde, der keine Ahnung von Tiamat hat, würde ich ihn fragen, wo er denn die letzen zehn Jahre war. Abgesehen davon würde ich ihm wahrscheinlich sagen, daß wir eine sehr gute Rockband sind.


lineup

MP: Nervt es dich nicht, immer noch ständig auf deine "Metalwurzeln" angesprochen zu werden?

JE: Ach, es gibt schlimmere Sachen im Leben, und es kümmert mich nicht besonders. Wichtig ist nur, ob es wahr ist oder nicht.

MP: Siehst du Tiamat denn noch als Metalband? Ihr bekommt - auch in Deutschland - viel Beachtung in den hiesigen Metalmagazinen wie Rock Hard, Hammer, etc.

JE: Nun, das liegt daran, daß Tiamat eine Band mit einer Metal-Plattenfirma (Anm.: Century Media) ist. Ob uns das jetzt zu einer Metalband macht, kann ich nicht sagen...

MP: Im Vergleich zu eurem letzten Album "A Deeper Kind Of Slumber" ist das jetztige "Skeleton Skeletron" wieder einmal total anders. Zwar immer noch unverkennbar Tiamat, aber eben anders. Liegt dahinter sowas wie ein Konzept?

JE: Dazu fallen mir zwei Dinge ein. Erstens lernen wir jeden Tag dazu. Wir lernen, wie wir unsere Auftritte verbessern und wie wir bessere Songs als früher schreiben. Zweitens wollen wir etwas neues machen, etwas aufregendes. Wir bemühen uns immer sehr und wollen uns nicht wiederholen, es nicht so machen wie auf der letzten Platte. Bereits als wir anfingen, am neuen Album zu arbeiten haben wir beschlossen, diesmal genau die Dinge zu tun, was wir am Album davor eben nicht gemacht haben.

MP: Hat dich der Umzug von Schweden nach Dortmund irgendwie bei der Arbeit zur neuen CD beeinflusst? (Anm.: Johan lebt mittlerweile in Hamburg)

JE: Neeeeee. Ich weiss nicht - ich glaube das ist eine zu romantische Sichtweise. Ich denke, die Songs sind in dir selbst und ich kann meine Stimmung durch Ortswechsel nicht ändern. Also ich fühle durch den Umzug keine grosse Veränderung.

MP: Kann es sein, dass du auf "Skeleton Skeltron" ein wenig zum Geschichtenerzähler geworden bist?

JE: Nun, ich bin mir selbst auf "Deeper Kind Of Slumber" ein wenig auf die Nerven gegangen. Es gab da zu viel Selbstmitleid und Jammern und das fand ich dann auf Dauer doch ein wenig langweilig. Es gibt so viele Bands die ewig nur jammern und in Selbstmitleid ertrinken. Ich wollte einfach davon weg, immer nur meine sogenannten "inneren Gefühle" auszudrücken. Stattdessen erzähle ich jetzt Geschichten über die Dinge des Lebens...

MP: Ja, so kommen vermehrt Pistolen und Kugeln vor. Bist du wieder auf einem härteren Weg unterwegs?

JE: Ich mag einfach Waffen (kichert). Generell glaube ich, dass wir mehr in Richtung Entertainment gehen. Ich glaube nicht, daß wir härter geworden sind. Ich finde es hat damit zu tun aufzuwachen und etwas zu tun, das den Leuten gefällt und nicht auf einer Bühne herumzustehen und gottverdammt langweilige Musik zu spielen, bis jedermann eingeschlafen ist.

MP: Mache Kritiker haben gesagt, daß einige Lieder auf dem neuen Album schon verdammt nach den Sisters of Mercy klingen - dabei hasst du doch die 80er, deren Blütezeit. Wie ist denn das passiert?

JE: Ich habe einfach versucht ein gutes Lied nach dem Muster eines traditionellen Popsongs zu schreiben. Außerdem will ich nicht einen Song nur für mich alleine schreiben. Ich will sehen, wie die Leute dazu tanzen. Das ist etwas, was sich bei mir verändert hat und worauf ich früher nie geachtet habe. Aber heute freut es mich, wenn ich Leute sehe, die zu einem Tiamat-Song tanzen - also werden die Lieder poppiger. Ausserdem kann ich nichts dafür, daß die Musik mit meiner Stimme zusammen wie die Sisters of Mercy klingen - obwohl ich sie mag. Ich kann es nicht ändern, aber es war sicher nicht absichtlich.

MP: Welche Rolle spielt für dich der Produzent? Hörst du auf ihn, oder bist du ein Diktator, der alles besser weiss?

JE: Wäre ich ein Diktator, würde ich keinen Produzenten brauchen. Der einzige Grund einen Produzenten zu haben, ist ja, dass man offen genug sein sollte, auf seine Vorschläge einzugehen. Dirk (Anm.: Draeger) und ich arbeiten sehr gut zusammen. Er ist immer bereits in einem sehr frühen Stadium der Arbeit involviert, eigentlich noch bevor wir ins Studio gehen. Deshalb würde ich auch sagen, dass Dirk mehr oder weniger ein Bandmitglied ist. Ein sehr privilegiertes Bandmitglied, da er nicht mit uns auf Tour muss... (lacht heftig)

MP: Vor den Aufnahmen zu "Skeleton Skeletron" kam aber noch ein Remix für eine Rammstein-Single, nämlich ihre Cover-Version des Depeche Mode-Songs "Stripped". Wie bist du denn daran gekommen?

JE: Oh, wir haben uns schon vorher ab und zu getroffen, wenn wir zusammen auf Festivals gespielt haben. Sie sind alle sehr freundlich und nachdem sie jemanden für ihre Remixe suchten und wussten, daß ich auch sowas mache, kamen sie wohl auf mich...

MP: Findest du nicht, daß das mit den ganzen Remixes langsam eine Seuche wird?

JE: Ich weiß nicht, keine Ahnung. Mein Problem ist, dass ich eigentlich kein Musikfan bin. Es ist wirklich schon eine ganze Weile her, dass ich Fan einer Band war und mir das Ganze etwas bedeutet hat. Dass ich Artikel über sie gelesen habe, mir ihre Platten und Singles gekauft habe. Dann hast du auch eine sehr starke Meinung, was auf eine B-Seite gehört oder ob der Kauf das Geld wert war. Und ich bin eben kein Fan mehr. Ich schalte einfach das Radio ein und es interessiert mich nicht, was gespielt wird. Es kann vorkommen, dass ich beim Tellerspülen Tina Turner höre. Ich glaube, ich bin zu einfach gestrickt um so eine Frage zu beantworten.

MP: Lüg' nicht! Ist es nicht langweilig, immer nach den eigenen Gefühlen gefragt zu werden?

JE: Nun, was wir auf einigen Alben, besonders auf "Wildhoney" gemacht haben, hat einen bestimmten Standard dafür gesetzt, was uns die Leute fragen - sogar heute noch. Wir haben diese seltsame, psychedelisch-depressive Stimmung erschaffen, die alle Leute glauben lässt, ich hätte eine sehr tiefgründige Erklärung für alles. In Wirklichkeit war ich nur dieser sehr junge Kerl, der wie seine Lieblingsband Pink Floyd klingen wollte. So einfach ist das! All diese Fragen nach meiner Stimmung, ob ich Selbstmord begehen wollte oder ob ich kein glücklicher Mensch bin zeigen doch eigentlich, dass wir dem, was wir mit unserer Musik erreichen wollten, recht nahe gekommen sind. Trotzdem sind die Fragen sehr schwer für mich.

MP: Aha. Lügst du eigentlich, um nervigen Fragen zu entkommen?

JE: Ich glaube nicht, dass ich lüge. Ich glaube immer, was ich in dem Moment sage. Aber es kann sich von einem Tag auf den anderen ändern. Trotzdem habe ich es dann in beiden Fällen so gemeint.

MP: Euer früherer Gitarrist Thomas Petersson begleitet euch auf der Tour. Hättest du ihn gerne wieder in der Band?

JE: Das wäre grossartig! Und er wäre sehr willkommen - aber da musst du mit ihm reden. Ich glaube, über Bandmitglieder zu reden, ist nicht unbedingt ganz einfach, wenn es um uns geht...

MP: Hasst Du das touren oder gibt es etwas was du daran magst?

JE: Ich würde nicht sagen, dass ich touren hasse. Es gibt einen sehr guten Grund, zu touren und das ist die Stunde, die wir jeden Tag live auf der Bühne stehen und vor einem Publikum spielen, welches hoffentlich unsere Musik mag. Dies ist ein sehr starkes Gefühl und es ist immer stärker als all' die Scheisse drumrum. Und ich glaube außerdem, dass es nicht wichtig ist, jeden wissen zu lassen, was einen Monat vor der Tour oder gerade eben Backstage schief gelaufen ist. Wenn ich als Fan zu einem Konzert gehe, will ich die Musik hören und daß die Band auf der Bühne ihr Bestes gibt - und das werden wir auf der kommenden Tour sicher tun!

MP: Gibt es schon Lieder, die du nicht mehr hören kannst?

JE: Nein! Da wir seit mehr als zwei Jahren nicht mehr live gespielt haben, wird es Spass machen, alle Songs wieder zu spielen. Diesmal haben wir das Ziel zu unterhalten. Wir haben beschlossen, nicht immer die kompliziertesten Songs auszuwählen. Also nur die Sachen zu spielen, die uns selbst gefallen und uns dabei nicht um das Publikum zu kümmern. Wir wollen Lieder spielen, die bereits 'erprobt' sind. Es ist natürlich einfacher, wenn man bereits einige Alben aufgenommen hat, dann kann man sich in Ruhe die erfolgreichsten aussuchen. Und diese werden wir auf der Tour spielen. Diesmal möchte ich einen Kompromiss: Es soll uns gefallen und auch das Publikum soll seinen Spass haben.

MP: Und wie wirst du diesmal die Musik optisch umsetzen?

JE: Das mit dem Bodypainting ist für uns völlig mit "A Deeper Kind Of Slumber" verbunden, das war uns schon damals klar. Ich denke wir werden eher wie auf unseren letzten Promofotos aussehen... mit Frauenunterwäsche und so.

MP: Echt? (ungläubig)

JE: Natürlich nicht! (lacht) Versuche dir das doch einmal vorzustellen...

MP: A propos vorstellen. Wenn deine Musik der Soundtrack zu einem Film wäre, wie würde der aussehen?

JE: Hmmmm. Wahrscheinlich ein selbstgedrehter Film eines Touristen aus den 70ern. Eine Familie im Urlaub in Osteuropa...

MP: Du bist im Web mit einer eigenen Site präsent. Surfst du regelmäßig?

JE: Jeden Tag. Ich checke immer die schwedischen Tageszeitungen und lese alles über meinen Lieblingsfussballclub. Dafür ist das Internet wirklich klasse, weil seitdem ich hier in Deutschland lebe, ist es nicht besonders leicht schwedische Zeitungen zu finden.

MP: Du bastelst unter dem Namen "Lucyfire" solo an einem Demo. Hast du nicht genug als Oberboss von Tiamat zu tun?

JE: Genug zu tun, aber nicht genug Geld!

MP: In welche Musikrichtung geht es denn diesmal?

JE: Schmatzender Rock'n'Roll! Nicht mehr, aber definitiv nicht weniger!!!

MP: Wenn die berühmte Zauberfee vor dir stünde und du einen Wunsch frei hättest, was wäre das?

JE: 1.000.000.000.000 Dollars.

MP: Aha! Danke für das Interview.

JE: Cheers!


© MEGALOMANIAC PRODUCTIONS 1999

Die aktuellen Tourdaten findet ihr hier: http://www.centurymedia.com
Tiamats offizielle Homepage: http://www.wildhoney.org
Informationen zu Johan Edlunds Soloprojekt: http://www.lucyfire.com
Ausserdem könnt ihr Richtungsweisendes von, mit und über Tiamat in unserem Archiv nachlesen.